Dystopien: Die Auswahl (Ally Condie) & Corpus Delicti (Juli Zeh)
Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 21. Juli 2012 um 11:11 Uhr Geschrieben von: Yvonne Dienstag, den 10. April 2012 um 09:13 Uhr
"Die Auswahl" und "Corpus Delicti" sind beide Dystopien, beide in den letzten zwei Jahren erschienen, beide von Frauen geschrieben und haben beide weibliche Hauptpersonen - und doch sind sie grundverschieden.
"Die Auswahl" von Ally Condie ist der erste Teil einer Trilogie, schon der erste Band umfasst mehr als 450 Seiten, die Hauptfigur ist 17 Jahre alt und das Hauptthema ist Liebe bzw. Paarung von Personen, die aus genetischen Gesichtspunkten optimal zusammenpassen.
"Corpus delicti" von Juli Zeh ist ein Einzelband, rund 270 Seiten lang, die Hauptfigur ist 34 und die Hauptthemen sind Gesundheit und Gerechtigkeit.
Allein aus diesen Informationen wird klar, dass sich die beiden Romane an verschiedene Altersgruppen richten (auch wenn natürlich beide Bücher von der anderen Altersgruppe gelesen und verstanden werden können). Mir haben beide Bücher aufgrund ihrer Ideen im Großen und Ganzen gefallen.
In "Die Auswahl" steht Cassia Reyes kurz vor einem großen Tag: ihrem Paarungsbankett. Über ein Computerterminal in einem festlichen Saal wird sie dann erfahren, wer ihr Lebenspartner wird, weil er genetisch zu ihr passt. Sie freut sich, dass der Computer ihren besten Freund Xander ausgewählt hat, mit dem sie nun offiziell viel Zeit verbringen kann. Doch als sie sich zu Hause den Datenchip zu ihm ansehen will, wird das Bild eines anderen Jungen eingeblendet, den sie ebenfalls kennt: das von Ky.
Schnell informiert sie der Staat, dass es sich um einen Irrtum handle, und sie sich ganz auf Xander konzentrieren solle. Aber Cassias Neugierde ist geweckt. Ky stammt aus den Provinzen außerhalb der überwachten Zone und beherrscht vieles, das Cassia fasziniert. Er kann beispielsweise schreiben, was in ihrer Welt nicht erlaubt ist und er kennt verbotene Gedichte.
So sucht Cassia allmählich immer mehr nach Schlupflöchern im System, um mit Ky zusammen sein zu können und von ihm all die faszinierenden Dinge zu lernen.
Jenseits des Paarungsrituals erfährt man über Cassias Welt, dass die Nahrung individuell auf jede Person abgestimmt wird, ein Computerterminal zu Hause die Menschen überwacht, die Abfallentsorgung nach illegalen Stoffen gescannt wird (zum Beispiel Papier) und die Kulturhistorie des Menschen auf ein Minimum reduziert wurde, das ins System passt. Die Welt ist sicher, im Vergleich zu den Äußeren Provinzen, in denen es ständig Krieg geben soll. Doch die Welt von Cassia ist langweilig. Sie ist auf Effizienz gepolt und erlaubt den Menschen, nur das zu lernen, was für ihren Beruf notwendig ist.
Es ist kein Wunder, dass Teenager Cassia aus einer solchen Welt ausbrechen möchte, die ihren Wissensdurst beschneidet, ihre natürliche Entwicklung bremst und ihr nicht gestattet, mit dem Menschen zusammen zu sein, den sie immer interessanter findet.
Mit diesen Themen richtet sich das Buch besonders an jüngere Leser, für die Themen wie die erste Liebe, die Bedeutung von Freundschaft (denn Cassia muss ja auch ihren besten Freund belügen) und der Wunsch, möglichst viel vom Leben zu haben und zu entdecken, sicherlich im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig ist es dank des Oberthemas "Wer bin ich und wie weit würde ich gehen, um das zu bekommen, was mir verlockend erscheint?" auch ein Buch für Erwachsene.
Die Sprache ist einfach und das Buch flüssig zu lesen, wobei einige meiner Mitleser beklagten, es habe an einigen Stellen Längen, in denen zu wenig passiert.
"Corpus Delicti" erzählt die Geschichte von Mia Holl, einer früheren Anhängerin der "Methode", wie das Staatssystem in ihrer Welt heißt. Das Hauptanliegen der Methode ist, die Menschen möglichst gesund zu halten. Daher werden ihre Körperfunktionen ständig überwacht, ihre Hometrainer weisen ihnen Sportaktivitäten zu und der Genuss von Alkohol oder Nikotin ist strengstens untersagt. Mia, eine vernunftgesteuerte Naturwissenschaftlerin, verliert ihren Bruder Moritz, dem Verrat an der Methode nachgesagt wird. Moritz, der zu Unrecht eines Mordes beschuldigt wurde, hat sich das Leben genommen und Mia verliert in der Trauer um ihn den Boden unter den Füßen.
Die Welt von Corpus Delicti ist düster, was noch dadurch verstärkt wird, dass das Urteil des Prozesses von Mia Holl gleich vorweggenommen wird - oder jedenfalls beinahe. Die Geschichte zeigt den Wandel einer methodentreuen Bürgerin zu einer Kämpferin, der jedes Mittel recht ist, um die Fehler der Methode aufzuzeigen.
Der Roman eignet sich aus meiner Sicht tendenziell eher für Leser ab Mitte 20, die sich in Mias Geschichte vielleicht besser hineinversetzen können, weil sie den Tod eines engen Freundes oder Familienmitglieds wahrscheinlich schon miterlebt haben. Diese sind vielleicht auch eher mit den Grenzen des Rechtssystems vertraut, das ja auch in unserer Zeit nicht unfehlbar ist und können auch mehr mit der Fixierung des Staates auf Gesundheit anfangen.
Sprachlich ist das Buch eine Herausforderung. Einerseits muss man sich gleich zu Beginn durch eine Lexikon-Definition von Gesundheit sowie das Protokoll einer Gerichtssitzung quälen und anschließend die Beschreibung einer nahezu toten Welt über sich ergehen lassen. Wer aber erst mal dort angekommen ist, wo Mia in Erscheinung tritt, wird mit vielen kleinen Gedanken in wunderschöner Formulierung belohnt, die man sich merkt.


