Selbstgeschriebenes

2. Dezember (Der Männer-Backomat 2)

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:44 Uhr Geschrieben von: Yvonne Montag, den 02. Dezember 2013 um 00:19 Uhr



Am nächsten Tag war ich im Hinblick auf meine Beziehung gnädiger gestimmt. Jon und ich hatten am Vorabend noch telefoniert, nachdem ich den Brombeer-Glühwein verdaut hatte. Es war eines dieser Gespräche gewesen, die alles an seinen Platz rücken und bei denen man sich vollkommen verstanden fühlt.

Vor lauter Glückseligkeit tanzte ich noch heute nach der Arbeit durch die Küche und backte Weckmänner und Weckfrauen, die einander an der Teighand hielten. Immer wieder warf ich zwischendrin einen Blick auf mein Blackberry, weil ich so halb mit einem Anruf von Bianca rechnete, dass Eno sie in irgendein zukünftiges Jahr entführt hatte, um Tanzpartner zu designen.

Als ich gerade die erste Fuhre Weckpaare aus dem Ofen holte, gab mein Handy ein Glucksen von sich, dem ich entnahm, dass eine What's App angekommen war. Also doch! Bianca! Ich verbrannte mir die Finger, als ich das Backblech auf den Herd donnerte, um so schnell wie möglich zu lesen, was sich ereignet hatte.

Doch als ich zum Wohnzimmertisch eilte, war mein Handy nicht zu sehen. Stattdessen prangte dort ein riesiger Pappkarton. Ich fuhr zusammen. Wie war das Monsterteil, in das sicherlich ein kleiner Elefant gepasst hätte, bloß hierher gekommen? Jetzt mal abgesehen von der Möglichkeit, dass tatsächlich ein Elefant darin war und er einfach unbemerkt in meine Wohnung gelaufen war.

Ich wuchtete das Monstrum vom Tisch, bevor der noch unter seiner Last zusammenbrach. Zu meiner Überraschung war das Teil nicht besonders schwer, nur irgendwie überdimensioniert. Ich entknotete mühsam die riesige rote Schleife, die um das Paket gewickelt war, entfernte ganze Rollen von Tesastreifen, wühlte mich durch Berge von Papier und fand schließlich - eine riesenhafte Schachtel Pralinen. Einen Jahresvorrat sozusagen.
 

1. Dezember (Der Männer-Backomat 2)

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:44 Uhr Geschrieben von: Yvonne Sonntag, den 01. Dezember 2013 um 00:27 Uhr



"... und dann stehe ich da 20 Minuten sinnlos rum und dieser blöde Trottel kommt einfach nicht!", schimpfte meine beste Freundin Bianca und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Brombeer-Glühwein. Wir standen mitten im Weihnachtsmarkt-Gewühl auf dem Römer und waren so gar nicht in Festtags-Stimmung, von dem wirklich köstlichen Gesöff mal abgesehen. Bianca hatte sich kürzlich entschieden, ihre Salsa-Künste aufzubessern, für einen Wochenend-Workshop angemeldet und war prompt von ihrem neuen Tanzpartner versetzt worden.

Mit einem Knall stellte ich meine Tasse auf den Stehtisch - es war bereits der dritte Glühwein gewesen - und verkündete lautstark: "Männer wissen einfach nicht, was sie wollen!" Die Gruppe von Herren hinter uns fand das anscheinend nicht allzu charmant und ging auf Sicherheitsabstand.

"Aber Du hast doch einen netten Mann gefunden", erinnerte mich Bianca. Beim Gedanken an Jonathan lächelte ich einen Moment weinselig, aber dann gefror mir mein Grinsen. "Ja, theoretisch schon, aber praktisch turnt der Herr ja den halben Advent durch die Weltgeschichte und nimmt mich nicht mit. Da hat man endlich einen Freund und hat nichts von ihm!", jammerte ich.

Nun war es doch Bianca, die wieder die Kurve kriegte: "Na immerhin haben wir uns. Das ist doch auch schon mal was." Dankbar lächelte ich sie an. Wo meine beste Freundin recht hatte, hatte sie recht. Und immerhin rief Jon, wie ich ihn inzwischen nannte, jeden Abend aus dem Hotel an. Trotzdem. Die erste Vorweihnachtszeit mit meiner Chilischote hatte ich mir irgendwie romantischer vorgestellt. Immerhin waren wir nun ein knappes Jahr zusammen, da durfte man sich ja wohl mal bemitleiden, wenn man zur Adventswitwe wurde, nur weil er so einen anstrengenden Job hatte.

Der Glühwein war leer und Bianca und ich machten uns auf den Rückweg zur Bahn. Als wir an dem Schaufenster angelangt waren, bei dem uns im vergangenen Jahr die Idee mit dem Männerbacken gekommen war, machte ich Bianca auf die Auslage aufmerksam. Sie seufzte. "Vielleicht sollte ich mir mal in der Zukunft den perfekten Tanzpartner designen lassen. Und wenn dabei der perfekte Mann herauskäme, hätte ich auch nichts dagegen." Wir lachten beide und verbrachten den Rest des Rückwegs damit, über Eno, das Jahr 2312 und vor allem den Retortenmann Jonas zu philosophieren. Ob er wohl mit dem Heidi-Klum-Klon glücklich geworden war?
 

Keith auf der Buchmesse

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:43 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 11. Oktober 2013 um 14:37 Uhr



Wenn man auf der Buchmesse ist, kann man ja gar nicht anders als kreativ werden. Ich war bereits zum fünften Mal dort, aber mein Freund Keith, der sprechende Stein, durfte mich gestern zum ersten Mal begleiten. Und er hat so einiges zu erzählen ...

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Gestern steinte ich zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse. Ich kann Ihnen sagen, da war was los! Meine ruhigeren Steinkollegen vom Fluss oder aus dem Wald, die nur das Flüstern der Tiere und das Plätschern des Wassers gewohnt sind, wären bei diesem Spektakel sicherlich aus Reizüberflutung erstarrt und hätten für die nächsten Jahrzehnte geschwiegen. Wie viele verschiedene Stimmen da durcheinandergingen, wie hektisch hin- und hergerannt wurde. Aber da ich bei einem Menschen wohne, kann mich in der Hinsicht nicht mehr viel erschrecken.

Was wirklich gewöhnungsbedürftig war, waren die Stimmen der Bücher. Jetzt reißen Sie mal nicht so die Augen auf. Natürlich können Bücher sprechen! Ich kaufe Ihnen ja nicht ab, dass Sie das nicht gewusst haben. Sie erzählen natürlich pausenlos ihre Geschichten.

Das ist zu Hause bei den Büchern an sich unproblematisch. Bücher in der Wohnung sind ja schon etwas reifer, wurden ein- oder mehrmals gelesen und können auch mal schweigen. Sie haben dann oft jenseits ihres Inhaltes Interessantes zu berichten. Etwa, dass ein Mensch geweint hat, als er die eine oder andere Zeile las. Oder gelacht. Dass er augenblicklich jemanden angerufen hat, nachdem er ein bestimmtes Kapitel beendet hatte. Die älteren unter ihnen sind teilweise sogar zu Weisheit gelangt, indem sie sich mit vielen Interpretationshilfen zu ihrer eigenen Geschichte unterhalten haben.

Aber diese jungen Dinger, frisch aus der Druckerei, gestern auf der Buchmesse – die waren ganz zappelig und wollten unbedingt zum ersten Mal gelesen werden. Noch nicht ganz trocken hinter den Seiten konnte es sie kaum hinter ihren Covern halten und sie plärrten mir pausenlos ihren Klappentext hinterher. Ich sag Ihnen: Hätte ich ein Trommelfell, es wäre mir geplatzt.

Manchmal hören die Menschen dann doch den Lockruf eines Buches. So etwas kann man beobachten. Sie pirschen sich an ein Buch heran, nehmen es liebevoll aus dem Regal, streichen zärtlich über seinen Einband, lassen die Seiten durch ihre Finger gleiten … Und dann stellen sie es wieder weg. Weil man auf der Buchmesse erst am letzten Tag Bücher tatsächlich kaufen kann.

Bis dahin, das sag ich Ihnen, werden die närrischen Bücher durch sein wie Wespen im Spätsommer, kurz bevor sie sterben. Gehen Sie lieber nicht am Wochenende auf die Buchmesse. Womöglich fallen Ihnen die Bücher reihenweise auf den Kopf, weil sie in ihrer Verzweiflung versuchen, Selbstmord zu begehen und sich vom Regal stürzen. (Und sie sind noch zu weiß hinter den Seiten, um zu begreifen, dass sie sich allenfalls ein paar hässliche Kanten zulegen und so zum Mängelexemplar machen.)

Aber ich will Ihnen nichts vormachen: Ich kann die Bücher ja auch verstehen. Wenn Buch und Mensch füreinander bestimmt sind, dann sollte man sie nicht trennen. So etwas ist Buchquälerei!

Ich hoffe, dass die Messebesucher in Kürze eine Petition aufsetzen werden, so dass man die armen Bücher gleich am ersten Messetag erwerben und mit nach Hause nehmen darf. Ich werde dann gleich meinen Keith darunter setzen.
   

Keith und die Musik (Kurzgeschichte)

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:43 Uhr Geschrieben von: Yvonne Sonntag, den 29. September 2013 um 07:40 Uhr

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an Keith, den sprechenden Stein. Da ich momentan mit Altraterra 2 leider nicht weiterkomme und Der Männer-Backomat 2 wieder als Adventskalender geplant ist, arbeite ich an einem anderen Buch und darin wird Keith die Hauptrolle spielen. Es soll nämlich ein Kurzgeschichten-Band werden nach dem Motto "Keith und wie er die Welt sah". (Hier findet Ihr nochmals die Intro-Geschichte.)

Heute habe ich also wieder eine fertige Kurzgeschichte für diesen Band, die ich Euch gerne vorstellen möchte. Viel Spaß damit!

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Keith und die Musik

"Music was my first love and it will be my last", erklärt ein bekannter Sänger. Also "Musik war meine erste Liebe und wird meine letzte sein". Nun, als Stein habe ich nicht sehr viel Erfahrung mit der Liebe, aber von Musik verstehe ich etwas. Wenn ich eine eingängige Melodie höre, möchte ich mein steinernes Dasein verlassen und ein Pfau sein oder ein Pferd oder auch ein Delfin, weil sich diese Tiere so elegant bewegen können.

Ich muss zugeben, dass ich auch die Menschen bewundere, weil sie so viele Möglichkeiten geschaffen haben, selbst Musik zu machen oder darauf zu reagieren. Sie zupfen an einer Gitarre, stehen auf und tanzen, summen ein Lied vor sich hin oder bekommen zumindest einen verklärten Gesichtsausdruck.

Unter uns, ich hab schon ein paar Mal versucht, ebenfalls einen verklärten Gesichtsausdruck aufzulegen, was möglicherweise daran gescheitert ist, dass ich nicht direkt ein Gesicht habe. Dann wiederum dachte ich, ich lerne vielleicht Klavier und hüpfe lustig über schwarze und weiße Tasten hinweg, wie ein Stein-Kollege ein paar Mal übers Wasser springt, bevor er eintaucht. Aber dann erfuhr ich, dass man als Pianist oft mehrere Tasten gleichzeitig drücken muss und mir war nicht ganz klar, wie ich das anstellen sollte. Jetzt verstehe ich auch, warum die Leute oft sagen, es sei ein steiniger Weg zum Ziel.

Jedenfalls habe ich mich letztlich damit abgefunden, dass ich meine musikalische Begabung nur dadurch ausleben kann, dass ich mir Melodien und Songtexte merke und diese still auf mich wirken lasse. Und ich sage Ihnen, mit diesem neuen Hobby von mir habe ich allerhand zu tun!

Ich weiß nicht, ob sich mal jemand die Mühe gemacht hat, ein Verzeichnis aller Lieder zu erstellen, die je geschrieben wurden. Wahrscheinlich nicht, denn dazu würde er sicher Jahre brauchen und der Zettel mit den Titeln wäre anschließend so lang, dass sie einen Wolkenkratzer bauen müssten, um ihn auszustellen. (Natürlich könnte man auch eine Computerdatei anlegen, aber obwohl ich kein Stein von gestern bin, muss ich zugeben, dass ich diese Maschinen noch nicht ganz durchschaut habe. Ein ander' Mal mehr davon ...)

Neulich hörte ich meine Besitzerin zu einer Freundin sagen, man könne sicherlich ein Gespräch nur mit Songtexten führen, so wie in einer alten Radiowerbung. Dem stimme ich zu und würde meinen, dass das ein ziemlich weitreichendes Gespräch sein könnte. Wer jemanden trösten will, tut das mit Roxette und empfiehlt ihm "Milk and toast and honey" (Milch und Toast und Honig) zum Frühstück. Wer eine Beziehung beenden will, kann ebenfalls auf die Schwedische Band zurückgreifen und singen "It must have been love but it's over now" (es muss Liebe gewesen sein, aber nun ist sie vorbei). Wer an jemanden denken muss, verlässt sich auf Crispian St. Peters: "When I woke up this morning you were on my mind" (als ich heute morgen aufgewacht bin, hatte ich dich im Kopf).

Mit Musik kann man zum Geburtstag gratulieren, ein frohes neues Jahr wünschen, Fragen stellen oder solche beantworten, Geschichte oder Geschichten erzählen. Gemeinsam ist wohl allen menschlichen Songs, dass sie ein Gefühl ausdrücken oder zumindest eine Stimmung (auch wenn sich die eine oder andere Stimmung den Hörern nicht spontan erschließen mag). Und erst, seit ich in menschlicher Gesellschaft lebe, wird mir klar, wie vielseitig menschliche Stimmungen sein können.

Manchmal denke ich an meine Steinkumpels unten am Fluss und frage mich, ob sie verstehen, wie wunderbar Musik ist und welche Möglichkeiten sie bietet, Gefühle auszudrücken und auszuleben oder auch nur sich verstanden zu fühlen. Und ob alle Menschen das wohl begreifen?

Für mich steint jedenfalls fest: Ich werde jetzt Musiksammler. Wenn ich an "I can't get no satisfaction" denke, kann ich nur bestätigen: "Music was my first love and it will be my last".


© Yvonne Pioch
 

Keith (Kurzgeschichte)

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 28. Dezember 2012 um 11:25 Uhr Geschrieben von: Yvonne Dienstag, den 11. Dezember 2012 um 10:43 Uhr

Auf meiner Lesung am vergangenen Samstag habe ich neben Altraterra und Der Männer-Backomat zwei Kurzgeschichten vorgestellt. Eine davon ist so gut aufgenommen worden, dass ich sie hier veröffentlichen möchte.

Geschrieben habe ich diese Geschichte für Elke Dippel vom Café Lounge Jasmin in Fechenheim. Und wenn man sich diesen Link ansieht, versteht man auch wieso. :-)

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Keith

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Keith. K-E-I-T-H geschrieben. Wenn Sie dabei an Keith Richards von den Rolling Stones denken, liegen Sie gar nicht so falsch. Nicht, dass ich Musiker wäre. Ich bin ein Stein. Die meisten Leute nennen mich Kies, K-I-E-S, oder liebevoll Kiesel. Aber seit in den 60ern ein Schiff an dem Ufer vorbeifuhr, an dem ich gerade vor mich hin steinte, und darauf das Lied „(I can’t get no) Satisfaction“ lief, habe ich meinen Namen geändert. Als Stein ist das nicht so schwer. Wir sind ja nicht gerade beim Einwohnermeldeamt registriert.

Wenn sich eine Gruppe schon „rollende Steine“ nennt, dachte ich, kann ich mir das erlauben. Aber noch mehr als die Gruppe hat mich das Lied beeindruckt. „I can’t get no satisfaction“, also sowas wie „Ich kriege nicht genug“ oder „Nichts macht mich zufrieden“. Das Lied ist eine Kritik an der Konsumgesellschaft, habe ich mal zwei Studenten am Flussufer sagen hören. Nun ja, als Stein hält sich das Konsumproblem in Grenzen. Aber „I can’t get no satisfaction“ ist sowas wie mein Daseinsmotto.

Im Leben eines Steines ist es oft langweilig. Da liegen wir tagaus, tagein an einem See oder Fluss herum, an dem nur ab und an mal jemand vorbeikommt. Und es ist nicht gerade häufig der Fall, dass die Menschen Gespräche mit uns anfangen. Ich wette, Sie wussten bis heute nicht mal, dass Steine überhaupt sprechen können, hmm? Na jedenfalls werden wir von Menschen meist ignoriert. Es gibt einfach zu viele von uns. Untereinander sind wir Steine eher stumm. Würde ja auch nicht so viel Spaß machen, mit dem Kumpel, der da neben dir steint, zu reden: „Hey, hast Du gehört, dass der Angler dahinten ‚Hmm hmm‘ gesagt hat?“ Klar hat er das gehört, er lag ja die ganze Zeit da rum.

In der Welt der Steine gibt es keinen Fernseher, keine Bücher und zum Frisör gehen wir auch nicht, um da mal ein paar Neuigkeiten zu erfahren. Wenn uns sehr langweilig ist, formen wir manchmal Steinketten, das ist so eine Art stille Post für Steine, in der jeder dem Nachbarn weitersagt, was er von einem Menschen gehört hat. Aber wie das bei der stillen Post so ist: Die Geschichten kommen meist verzerrt an und brauchen unglaublich lange. Deswegen meditieren wir Steine meist vor uns hin und sagen manchmal ein paar Jahrzehnte lang gar nichts. Es sei denn, ein Kind kommt vorbei und flitscht uns ins Wasser an einen anderen Ort. Da haben wir dann Gesprächsstoff für ein paar Tage. Abgesehen davon gibt es also im Leben eines normalen Steins nicht sehr viel Abwechslung.

Das habe ich auch zu Emily gesagt. Emily ist ein Schwan, der mir vorletzten Herbst begegnet ist. Ich habe schon viele Schwäne gesehen, aber dieser wirkte irgendwie bedrückt. Sie schwamm nicht mit gerecktem Hals majestätisch vorbei, sondern machte sich ganz klein und bewegte sich fast lautlos fort. Weil Emily so kläglich aussah, sprach ich sie an.

Es stellte sich heraus, dass Emilys Schwanengefährte gestorben war. Er hatte versehentlich Menschenmüll verschluckt und war daran erstickt. Es war tragisch. Emily liefen noch immer Tränen aus den Augen. „Ich weiß nicht, wie ich diesen Verlust jemals überwinden soll“, schluchzte sie. Ich hörte ihr einen Nachmittag lang zu und tröstete sie mit den Weisheiten eines Steins: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Emily tat mir wirklich leid, aber ich muss zugeben, dass ich sie um ihren Schmerz sogar ein wenig beneidete. Wir Steine lieben nicht und wir verlieren nicht. Wir leben ewig und manchmal scheint unser Dasein bedeutungslos. Dann, im Frühling, sah ich Emily wieder. Sie schwamm mit einem neuen Gefährten an mir vorbei und die beiden turtelten verliebt vor sich hin.

Wenn ich heute darüber sinniere, glaube ich, das war der Moment, in dem ich begann, mir etwas zu wünschen. Eine Veränderung, die meinem Dasein endlich einen Sinn geben würde. Ich war mir nicht sicher, ob Gott, das Universum oder was immer man da anrufen kann, auch für Steine zuständig ist. Doch ich bat um ein Wunder.

Aus dem Frühling wurde Sommer, eine Zeit, in der mehr Menschen am Fluss und am See unterwegs sind. Beinahe dachte ich, es wäre so weit, als ein Hund an mir schnüffelte und mich zwischen seine Zähne nahm. Aber rasch kam sein Frauchen angelaufen und sagte zu ihm: „Das ist pfui!“ Schönen Dank auch! Jedenfalls ließ mich der Hund gleich wieder plumpsen, etwa einen Meter neben der Stelle, an der ich zuvor gesteint hatte, nur etwas näher am Gehweg. Und das war mein Glück, aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Dann nämlich kamen der Herbst und bald darauf der erste Frost. Es gab nur noch wenige Menschen an meinem Fluss, aber eine von ihnen war Elke. Sie war allein und blickte suchend auf den Boden. Erst dachte ich, sie würde Eicheln sammeln oder Kastanien, was Menschen für gewöhnlich so aufheben im Herbst. Aber dann sah ich, dass es Steine waren. Ich war sprachlos, was irgendwie strategisch ungünstig war. Doch dann riss ich mich zusammen und rief laut „Nimm mich mit, nimm mich mit“. Elke guckte verwundert, anscheinend hatte auch mit ihr noch nie ein Stein gesprochen. Sie hob mich auf und nahm mich tatsächlich mit sich! Auf dem Weg erfuhr ich, dass Elke Künstlerin ist. Sie sammelt Steine wie mich, bemalt sie und setzt sie in den Garten vom Café Jasmin, verschenkt sie an Bekannte oder verkauft sie. Die Steinkollegen, die ich in ihrem Haus kennenlernte, waren viel gesprächiger als meine alten Freunde vom Fluss. Sie waren auch nicht langweilig grau, sondern mit bunten Mustern verziert. Sie sprachen miteinander, lauschten den Gästen im Café und durften sogar an Lesungen teilnehmen.

Schließlich wurde auch ich bemalt. Ich bekam grüne, gelbe und pinke Punkte. Vor allem aber bekam ich einen Sinn. Denn nun war ich kein einfacher Stein mehr, ich war ein Kunstwerk. Und so durfte ich am Ende in Yvonnes Zuhause einziehen, das schon weihnachtlich geschmückt ist. Dort läuft manchmal der Fernseher oder es kommen Menschen zu Besuch, ich muss mich also nicht mehr langweilen. Vor allem aber ist Yvonne Autorin und so konnte ich ihr meine Geschichte erzählen, die sie nun für mich aufgeschrieben hat.

Von Elke und Yvonne habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass auch Menschen oft nicht miteinander sprechen und ihnen ihr Leben eintönig vorkommt, obwohl es doch viel reicher und kürzer ist als meins. Und dass Menschen, genau wie der Schwan Emily, oft lange um einen Verlust weinen, statt hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Vielleicht lernen die Menschen, die diese Geschichte hören ja, was für ein Glück sie haben. Und wenn sie denken, dass niemand für sie da ist, gehen sie vielleicht mal an den Fluss und sprechen mit den Steinen. Denn wir hören immer gerne zu, auch im Winter.


© Yvonne Pioch
   

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