ARS-Adventkalender 2014

ARS-Adventkalender: 24.12.

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Januar 2015 um 23:23 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 19. Dezember 2014 um 23:26 Uhr

Schnell, macht das letzte Türchen auf, denn heute ist Heiligabend! Ach, aber wie sieht der Adventkalender denn jetzt aus? Eben noch war er das blühende Leben und jetzt hängt er da schokoladenleer und schief an der Wand. So ist das mit der Vorfreude: Wenn etwas Herbeigesehntes endlich kommt, muss etwas anderes dafür aufhören.

Auch wir von ARS hören heute vorerst auf, Euch täglich mit Geschichten zu versorgen. Aber nicht traurig sein, denn wir planen schon ein Buch und einen Blog und ... Falls Ihr Lust habt, uns dabei zu unterstützen, einen Text oder Euch selbst beizutragen, freuen wir uns über Eure Nachricht. Wir bedanken uns herzlich für Euer großes Interesse bis hierher und wünschen frohe Feiertage und schöne Schlemmerei!

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Das letzte Türchen

Von Kartoffelsalat und anderen Kalorienbomben, Dekoklimbim, der GroKo und einem geschändeten Adventskalender


Heute ist der Heilige Abend. Morgen ist Weihnachten vorbei - nicht ganz, nur fast. Ein paar gewichtige Kleinigkeiten bleiben: der Weihnachtsbraten, der Besuch von Tante Erna und Onkel Fritz sowie das Weihnachtskonzert im örtlichen Theater. Der Braten muss doch verputzt werden, sonst war alles umsonst. Der reicht für knapp drei Tage und jeweils fünfzehn Gäste. Da darf nichts übrig bleiben! Und dann sind ja noch die Gans, diese klitzekleine 15 kg leichte Pute und das halbe Wildschwein im Kühlschrank. Das Konzert wird auch nicht unproblematisch, besonders weil Onkel Fritz nach dem Mittagessen einen Verdauungsschnaps nach dem anderen vertilgt und abends dann wieder schnarchend im Theatersessel klemmt.

Ach ja, Silvester schlunzt ja auch schon hinter dem nächsten Wochenende hervor. Mutters Kartoffelsalat, die Gans und … Der Vorsatz, ab und zu ins vegetarische Lager zu wechseln, muss warten. Selbst für die kleinste Möhre ist einfach kein Platz in den Vorratslagern. Noch mehr essen, das geht nun wirklich nicht! Vielleicht denken wir mal im März, wenn die Reste aufgefuttert sind, darüber nach. Wer erinnert uns daran?

Gleich sind wir durch mit den Türchen am Adventskalender. Ist tatsächlich noch eine Tür ungeöffnet? Klar, wir schummeln doch nicht! Wir haben nur mal ein ganz, ganz klein wenig durch das Fenster in der Tür geschielt. Man erkennt ja schon verschwommen, was sich Tolles dahinter verbirgt. Dann hüpfen wir an diesem miesepetrigen Morgen letztmalig wie der geölte Blitz aus dem Bett. Mit dem einen halb geöffneten Auge wird das Ziel routinemäßig fixiert. In langem Sprung, die Jalousie des zweiten Auges klemmt schlaftrunken, erreichen wir unseren Adventskalender und reißen die VIER-UND-ZWANZIG auf.

Ohne diese kleine Kalorienbombe am Morgen geht zurzeit nichts mehr. Die Schlankheitsdiätdienste jubeln. Unendlicher umsatzstarker Gewichtsfrust kommt auch im nächsten Jahr auf sie zu. Der Blick aus dem Fenster auf die unweihnachtlich grau meliert anzuschauende Welt lässt uns noch ein Stündchen zurück ins kuschelwarme Bett fallen. Die Koordination zwischen Weihnachtsmann und Petrus ist echt unprofessionell! Diese Naturkatastrophe hält man doch nur unter dem schützenden Federbett aus. Wie schön wäre eine weiße Weihnacht! Wir lieben es, die letzten drei Stunden vor der Bescherung Schnee zu schieben.

Zum Glück bringt der geliebte Rotmantel heute Abend heiligen Schokoladennachschub. Und nicht nur das. Viele bunte Päckchen landen unterm Weihnachtsbaum. Wir freuen uns alle ein Loch in den Bauch. Geschenkideen suchen, Präsente besorgen und einpacken ist eine anstrengende Arbeit. Dann kommen noch die Festvorbereitungen. Bis so ein Weihnachtsbäumchen glänzt, bis der Braten duftet, bis der weihnachtliche Dekoklimbim verteilt ist, dauert es ein mittleres Weilchen. Die deutsche Wirtschaft boomt indessen. Die GroKo ist zufrieden. Strahlende Gesichter auf der ganzen Linie sind der Lohn. Fix und fertig, die Vorweihnachtszeit ist die anstrengendste Jahreszeit, sitzen wir dann gemeinsam, verstohlen gähnend unterm Weihnachtsbaum. Natürlich ohne GroKo, aber mit unseren Lieben! Wie ein Leuchtturm markiert der Baum die Position auf der rauen Insel des Lebens mitten im weiten Meer des Universums. Ist das romantisch! Und die lieben kleinen und großen Kinderlein, die ganze Familie strahlt wie der Weihnachtsstern am Himmel.

Mutters Kartoffelsalat, die leckeren Würstchen mit ganz viel Senf sind der kulinarische Auftakt der Schlemmertage. Man muss klein anfangen, um groß aufhören zu können. Ans Aufhören denkt niemand.

Oh Gott! Wie sieht der denn jetzt aus, unser geliebter Weihnachtskalender. Es waren nicht einmal vier Wochen Adventszeit. Und nun ist er in einem völlig desolaten Zustand. So ein Adventskalender hat es schwer. Es ist immer dasselbe!

Eigentlich wollten wir ihn für die nächste Saison recyceln. Wir könnten ihn allerdings auch in der großen Bucht verhökern. Wenn wir einen überlagerten Schokoladenosterhasen von 1998 dazulegen, ist der halbe Einkaufspreis vielleicht wieder drin. Oder wir warten noch zwanzig Jahre mit dem Versteigern. Dann geht er als antik zum doppelten Preis weg. Aber so, wie der jetzt aussieht …

Frohes Fest!


Rainer Franke
 

ARS-Adventkalender: 23.12.

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Januar 2015 um 23:22 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 19. Dezember 2014 um 23:26 Uhr

Das Fest rückt immer näher. Vielleicht habt Ihr ja bereits den Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt.

Doch egal, wie prächtig er jetzt aussieht, ob er eine Fichte oder Nordmanntanne ist oder aus Plastik, grün oder voller Kunstschnee: Ein Weihnachtsbaum zu sein ist ein kurzes Vergnügen. Denn schon nach wenigen Tagen hat er seinen Dienst getan, ist geplündert und wartet auf den Karton oder den Abtransport.

Was so ein Baum wohl für Träume hat?

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Der Tannenbaum

Im hohen Bogen fliegt er raus,
der Tannenbaum muss aus dem Haus.
Da liegt er nun, so nackt - so blank,
das, was ihn schmückte, steht im Schrank.
Es kommt, was sich nicht halten lässt,
der Häcksler kommt zum Häckselfest.

Der kleingehackte Tannenbaum,
hatte einmal einen Traum:
ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett zu sein,
auch ein Schrank, das wäre fein.
Doch dass er jetzt so fein gehackt,
einem Tannenjüngling die Füße warm verpackt,
das hätt' er sich nicht träumen lassen
und er kann es gar nicht fassen,
als er den Wunsch des Jünglings hört,
dass der beim nächsten Fest prachtvoll geschmückt
ein Weihnachtbaum will sein, das wär' sein höchstes Glück.


TreibGut Gestrandete Gedanken
 

ARS-Adventkalender: 22.12.

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Januar 2015 um 23:22 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 19. Dezember 2014 um 23:25 Uhr

Weihnachten ist auch eine Zeit der Magie, der Fabelwesen und Geister und Zauberer.

Erst gestern sind uns die Grünmagier begegnet, die ihr ganz eigenes "Weihnachts"-Fest begehen. Heute haben wir es mit einem noch seltsameren Wesen zu tun.

Dieses Geschöpf hat von Weihnachten bisher nichts gewusst. Aber es ist neugierig und muss der Sache mal auf den Grund gehen ...


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Das neugierige Flöriki

Es war einmal ein kleines Flöriki. Es lebte weit draußen im Wald.

Heimlich machte sich das kleine Flöriki aus dem Staub. Ganz still und leise.

Niemals zuvor war es in der Stadt. Schon von Weitem sah es ein weites Lichtermeer.

So etwas hatte das Flöriki noch nie gesehen.

Es sah hohe spitze Türme und Glockenklang drang zu ihm herüber. Als es näher kam, sah es überall Lichter in den Häusern. Es schaute vorsichtig in die Fenster und entdeckte bunt geschmückte Tannenbäume mit Kerzen.

So etwas hatte das Flöriki noch nie gesehen.

Was war das? Zart klopfte es an eine Fensterscheibe, wo gerade drei kleine Kinder mit dem Auspacken von Geschenken beschäftigt waren. Sie saßen mitten in Bergen von Geschenkpapier, lachten und strahlten.

So etwas hatte das Flöriki noch nie gesehen.

Niemand schien sein Klopfen wahrzunehmen.

Es sah, wie der Vater sich an den Flügel setzte und die Mutter alle drei Kinder um sich herumscharte. Sie begannen zu singen: „Stille Nacht, Heilige Nacht …“

So etwas hatte das Flöriki noch nie gesehen.

Ganz nah kam es mit seinen kleinen Ohren an die Scheibe, um besser hören zu können.

„Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh‘ …“

„Ooooh!“ Seufzte da das Flöriki, da ist ja noch ein Kind auf die Welt gekommen, ein viertes.

„Christ in deiner Geburt, Christ in deiner Geburt …“ hörte es singen.

Das Flöriki freute sich und tanzte vor dem Fenster auf und ab. Es war außer sich vor Freude. „… ein Chri-hist, ein Chri-hist …“ jubelte es.

Bei der Geburt eines Kindes dabei zu sein, so etwas hatte das Flöriki noch nie gesehen.

Und es machte sich still und leise, so wie es gekommen war und von Freude erfüllt, zurück in seinen Wald. Es legte sich in seine Höhle, neben die anderen und keiner merkte, dass es je fort war.

„… schlaf in himmlischer Ruh‘, schlaf in himmlischer Ruh‘ …“


Franziska von Schleyen
   

ARS-Adventkalender: 21.12.

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Januar 2015 um 23:22 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 19. Dezember 2014 um 23:25 Uhr

In meiner Fantasy-Welt Altraterra gibt es keine Bibelgeschichte und daher auch kein Weihnachten. Aber am 24. Dezember feiern die Grünmagier das Gründungsfest der Schutzzone, also dem Stück Land, in dem sie sich frei bewegen können, ohne von den niederträchtigen Schwarzmagiern angegriffen zu werden. Euch werden sicher einige Bräuche bekannt vorkommen ...

Die Geschichte ist aus zwei verschiedenen Stellen im Buch zusammengesetzt. Etwa in der Mitte des Buches erklärt Annes Studentenkollege Jamiro ihr, wie das Gründungsfest abläuft. Gegen Ende des Romans findet es dann tatsächlich statt.

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Gründungsfest in Altraterra

Anne fragt Jamiro nach dem Gründungsfest

Als sie sicher war, dass Jamiro seine Frage vergessen hatte, fuhr Anne fort: „Ich habe über das Gründungsfest gelesen, das am 24. Dezember gefeiert wird. Kannst du mir sagen, wie es abläuft?“ Jamiro erklärte: „Es ist ein sehr traditionelles Fest in Viriditas, das vor allem die Kinder lieben. Am Morgen ziehen die Familien gemeinsam in die Geschäfte und kaufen magische Baumsamen. Die pflanzen sie zuhause in einen Topf und bis zum Nachmittag ist daraus ein grüner Baum gewachsen, als Symbol für die grüne Stadt Viriditas. Die Kinder und Männer der Familie schmücken den Baum mit allerlei Naschwerk, das die Frauen in den vorherigen Wochen gebacken haben, während diese ein festliches Essen zubereiten.
Am späten Nachmittag versammeln sich alle auf dem Platz vor der Universität, wo die Mitglieder des Ordens und des Hohen Rates das Fest offiziell eröffnen. Anschließend begeben sich diese zu den jeweiligen Steinkreisen und erneuern den Schutz ihrer Zauber, um die Schwarzmagier fernzuhalten. Die anderen Grünmagier kehren inzwischen nach Hause zurück und sprechen dort im Familienkreis Zauber für den Schutz ihres Hauses aus. Danach essen und feiern alle bis tief in die Nacht, überreichen sich Geschenke und gehen an den folgenden zwei Tagen alle Freunde und Verwandten besuchen.
Genau eine Woche später, zum Jahreswechsel, treffen sich alle wieder auf dem Platz vor der Universität. Die Ordensmitglieder und die des Hohen Rates bestätigen, dass der Schutz erneuert wurde und alle tanzen zusammen auf dem Platz und trinken magischen Wein. Sobald das neue Jahr begonnen hat, gehen die Familien nach Hause und plündern ihre Bäume. Am 1. Januar ziehen dann alle mit den Bäumen nach draußen und suchen dafür einen geeigneten Platz innerhalb des Reiches. Für viele Grünmagier ist dies der einzige Tag, an dem sie in die äußeren Ringe vordringen.“ Jamiro schien mit seinen Ausführungen fertig zu sein und Anne bemerkte: „Das klingt nach einem schönen Brauch. Aber heißt das, dass nur innerhalb des dritten und vierten Steinkreises gefeiert wird?“ Jamiro antwortete: „Nicht ganz. Auch in den Ringen des gelben und roten Volkes wird gefeiert, aber dort versammelt man sich nicht an einem zentralen Platz und daher ist es längst nicht so schön. Die meisten Menschen verbringen daher das Gründungsfest bei Verwandten und Freunden im dritten Ring nahe der Universität.“ (...)


Später im Buch: Das Gründungsfest findet statt

Der Tag des Gründungsfestes kam viel zu schnell. Normalerweise wäre Anne jetzt sehr fröhlich gewesen. Schnee bedeckte die Landschaft und obwohl sie heute abreisen wollten, hatte Silvia es sich nicht nehmen lassen, das Haus festlich mit Zweigen zu dekorieren. Gisalen, die zu Annes Freude vorerst nicht wegziehen wollte und im Haus ihres Sohnes lebte, hatte ihnen einen Braten vorbeigebracht. Gegen Mittag brachen Silvia, Miraj und Anne auf nach Viriditas. Wegen des Festes war es nämlich heute ausnahmsweise allen gestattet, die Stadt zu betreten.
Viriditas war noch festlicher geschmückt und auf dem Platz vor der Universität stand ein riesiger, mit Kerzen und Zuckerwerk verzierter Baum und leuchtete. Als sie eintrafen, war es bereits winternachmittäglich dunkel und viele Leute hatten sich versammelt. Damit sie während der langen Wartezeit nicht froren, gab es allerlei Stände mit warmem Essen und Punsch.

Anne stellte sich gleich an, um eine heiße Schokolade und eine Waffel zu bekommen. Plötzlich stieß sie jemand von hinten an – es war Jamiro. „Anne, wie schön, dich zu sehen. Frohes Gründungsfest.“ Er umarmte sie mal wieder. Zumindest gibt Jamiro nicht auf, dachte Anne. Sie wünschte ihm ebenfalls ein frohes Fest und Jamiro ließ es sich nicht nehmen, die zukünftige Kommilitonin seinen Eltern vorzustellen. Sie lächelten Anne wohlwollend an. Vermutlich wussten sie ganz genau, dass sie die junge Frau war, die die Angreifer in ihre Schranken verwiesen hatte und Henri besiegt hatte.

Als Anne zu Silvia und Miraj zurückkehrte, warf er ihr einen finsteren Blick zu. „Treibst du dich immer noch mit Jamiro herum?“ wollte Miraj wissen. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, entgegnete Anne kühl. Silvia, die wohl merkte, dass sich hier ein Krisengespräch anbahnte, murmelte etwas von heißen Champignons und verschwand. Miraj funkelte derweil Anne an: „Ich habe dir doch gesagt, dass er einer der Hauptgegner deines Bruders ist. Wie kannst du Henri so verraten?“
Normalerweise hätte Anne nun Miraj von ihrem Besuch im Gefängnis erzählt. Aber unter den gegebenen Umständen hatte sie keine Lust dazu. „Henri hat uns zuerst verraten“, sagte sie nur. „Außerdem kann ich selbst entscheiden, wer oder was gut für mich ist. Du bist ja ohnehin nicht mehr lange da, um auf mich aufzupassen.“ Miraj machte ein wütendes Gesicht. „Schön“, sagte er und ließ sie stehen. Anne hatte ihn selten so verärgert gesehen.

Als Silvia zurückkehrte, war sie überrascht, ihren Sohn nicht vorzufinden. Anne erzählte ihr von dem kleinen Wortwechsel und Silvia sah sie erstaunt an. „Aber Anne, du wirst doch wohl nicht glauben, dass Miraj deinetwegen fortgeht?“ Anne sagte: „Natürlich nicht, aber er bleibt auch nicht meinetwegen. Er hat mir gesagt, dass er noch an Gwynda hängt.“ Silvia schüttelte den Kopf. „Das glaubst du doch nicht wirklich“, sagte sie. „Warum sollte er wohl sonst so etwas sagen?“ erkundigte sich Anne. Silvia lächelte sie an: „Meine liebe Anne, du bist wirklich nicht auf den Kopf gefallen, aber von Männern verstehst du nicht viel. Miraj möchte dich schützen. Er will, dass du dich auf dein Studium konzentrierst, anstatt dich die ganze Zeit um ihn zu sorgen. Und deswegen tut er so, als ob du ihm nichts bedeutest. Ich bin mir sicher, dass in einigen Jahren die Dinge ganz anders liegen werden.“ Anne erwiderte nichts darauf, aber sie dachte, dass Silvia vielleicht nicht unrecht hatte.

Bald darauf trafen der Hohe Rat und der Orden auf dem Platz ein und wurden von der Menge mit Jubel begrüßt. Edward hielt eine kleine Ansprache, in der er auch den freiwilligen Abschied etlicher Menschen vom roten Volk bekanntgab. Miraj kehrte während der Rede zu Silvia und Anne zurück, doch Jana winkte Anne zu sich herüber. „Als zukünftiges Ordensmitglied solltest du bei uns stehen“, raunte sie ihr zu. Edward fuhr fort, über die zunehmende Bedrohung der Sicherheit zu sprechen und erklärte, dass sie diesmal die Zauberbanne besonders fest um die beiden inneren Ringe legen wollten. Anne war überrascht, dass so viel applaudiert wurde. Ihr wollte nicht einleuchten, was daran gut war, den Schutz nur auf einen Teil der Zone auszudehnen.

Nach seiner Rede zogen sich der Hohe Rat und der Orden zurück, um die schützenden Zauber auszusprechen. Sie würden beim vierten Steinkreis beginnen und dann allmählich in die äußeren Ringe vordringen. Die Menge zerstreute sich. Sicherlich gab es nun das Festmahl und die gegenseitigen Besuche. Anne fühlte sich ein wenig verloren. Jana hatte sie gebeten, in der Universität auf sie zu warten. Sie hatte in den vergangenen Tagen bereits ihre wichtigsten Sachen in das Zimmer im Magnolienturm gebracht, während Silvia und Miraj ausgewählt hatten, welche Dinge sie mit auf ihre Reise nahmen. Die meisten Möbel und Gegenstände sollten zurückbleiben.

Anne spürte schon wieder Tränen in sich aufsteigen, schluckte sie jedoch entschlossen herunter. Es war allmählich an der Zeit, erwachsen zu werden. Sie konnte sich diese Weinerlichkeit nicht mehr leisten. In dem Moment kam Silvia auf sie zu und etwas zögerlich hinter ihr Miraj. Mirajs Mutter breitete die Arme aus und sagte zu Anne: „Mein Kind, es ist nun an der Zeit, sich zu verabschieden. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, wenn die Zeiten glücklicher sind.“ Anne drückte sie und wünschte ihr alles Gute. Sie fragte sich, ob sie jemals in der hohen Schwester oder Samira eine Mutterfigur finden würde, wie sie sie in Silvia gefunden hatte.

Dann wandte sich Silvia zu den Pferden und Miraj kam auf sie zu. „Wir sollten nicht im Zorn auseinandergehen“, sagte er. Anne nickte. Miraj trat näher und eh sie sich versah, zog er sie in die Arme und küsste sie auf den Mund. Anne war mehr als überrascht. Dann flüsterte er ihr zu: „Pass gut auf dich auf, Kleine. Und vergiss nicht – wir sehen uns bald wieder.“ Das klang nun fast wie ein Versprechen. Vielleicht hatte Silvia doch recht gehabt.


Yvonne Pioch

Mehr von und über Altraterra gibt es hier.
 

ARS-Adventkalender: 20.12.

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Januar 2015 um 23:22 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 19. Dezember 2014 um 23:25 Uhr

Weihnachten mit der Groß-Familie zu feiern, birgt einige Tücken, wie wir dank unseres Autors Meddi Müller schon feststellen konnten. Aber was ist, wenn man mit Freunden feiert, sozusagen der Wahl-Familie? Dann kann doch eigentlich nichts schiefgehen?

Allerdings wäre da die Sache mit dem Essen. Was serviert man seinem Gast zum Feste? - Natürlich nur das Beste. Dass das Gegenteil von gut eben doch gut gemeint ist, ist das Thema in unserer heutigen Geschichte.

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Die Weihnachtspizza

Ich kann Weihnachtspizza nicht mehr sehen. Dabei bin ich selbst an allem schuld. Das ganze fing an, als ich keinen Plan hatte, wo ich Weihnachten, insbesondere Heiligabend, feiern sollte. Meine Eltern waren gestorben und nähere Verwandte wohnten weit entfernt. Zudem war ich wieder frischgebackener Single. Beste Voraussetzungen, um mit einer Flasche Whisky unter einem Gummiweihnachtsbaum heulend das Weihnachtselend zu beklagen.
Nicht mit mir, dachte ich, wozu habe ich denn diesen großen Freundeskreis? Also begann ich, mich einzunisten. Das klappte im ersten Jahr ganz gut. Ja, meine Freunde schienen sich regelrecht um mich zu reißen. Jeder wollte seine Barmherzigkeit zeigen und vor den anderen glänzen, was für ein selbstloser und guter Freund er ist. Natürlich lieferten sie sich auch kulinarisch ein Rennen.

Bei Jutta und Arndt wurde am Heiligen Abend ein Fünf-Gänge-Menü gezaubert. Na gut, weil Jutta und Arndt schon seit dem Vorabend in der Küche standen, hatte sich ihre Vorfreude eher in eine Mattigkeit verwandelt. Da sie auch noch alles perfekt machen wollten, fingen wir nicht um 19 Uhr, sondern erst gegen 21 Uhr mit dem Essen an. Wenigstens gab es ein paar Amuse-Gueule, also Appetithappen aus der Küche, sonst wäre ich umgefallen. Ihren Kindern hat das Warten leider nicht gefallen und das Essen auch nicht geschmeckt. „Sonst gibt‘s immer Frikadellen“, maulte der achtjährige Luke - gesprochen „Lühg“ - und stocherte in der selbst gemachten Gänse-Trüffel-Pastete herum. Der Hauptgang war ein Traum, nämlich Wolfsbarsch in der Salzkruste. Wenn man Fisch mag, was bei Luke und seiner drei-zehnjährigen Schwester Kathinka nicht der Fall war. Zum Glück zogen wir die Bescherung vor den Nachtisch, sonst hätte es eine Familienkatastrophe gegeben. Immerhin konnte ich mit meinen Geschenken punkten. Luke bekam eine Kanone zum Selbstbauen. Ich schärfte ihm ein, nur Sachen seiner Eltern, nie seiner Schwester zu beschießen. Luke kringelte sich vor Lachen. Kathinka schenkte ich einen Make-up-Schnupperkurs. Sie fiel mir um den Hals. Arndt schaute etwas gequält und nervös zu Jutta, die ein finsteres Gesicht machte. „Die Stylistin kann Dir auch beibringen, wie man mit hohen Absätzen läuft. Dann schwebst Du wie eine Elfenprinzessin an den anderen Girls vorbei, während die rumtorkeln wie besoffene Amseln.“, setze ich hinzu. Jutta war kurz vor dem Platzen. Arndt versuchte, zu vermitteln: „Früher hast Du doch auch hohe Schuhe getragen.“ Auch wenn es unloyal ist, mich ergriff eine diebische Freude. Jutta war Abteilungsleiterin und dafür gefürchtet, dass sie ihre Untergebenen wie ein Feldwebel herumkommandierte. Bevor sie Kinder bekommen hatte, trug sie hohe Absätze und sehr tiefe Ausschnitte. So viel zu ihrer Ablehnung des Militärischen und Aufreizenden. Gut, ich musste beschwichtigen: „Junge hübsche Dame“, wandte ich mich an Kathinka, „nicht, dass Du denkst, Du kannst jetzt jeden Tag geschminkt und aufgetakelt wie einer von diesen Möchte-gern-Stars rumrennen.“ Kathinka verzog das Gesicht. Juttas Ärgerfalten glätteten sich etwas. „Weißt Du, selbst das Schönste wird, wenn es zu oft verwendet oder getragen wird, alltäglich und langweilig. Dann nennen sie Dich irgendwann Schminkkati oder so, das wäre doch schade. Außerdem lernst Du da ein Alltags-Make-up und eins für Parties kennen. Und Deine Mutter hilft Dir sicher auch nach dem Kurs, sie hat richtig viel Ahnung davon, wie man sieht.“ Nun hatte ich ein Mutter-Tochter-Ding daraus gemacht, was bin ich für ein genialer Intrigant. Sollte ich irgendwann mal nicht mehr mit einem normalen Job mein Leben finanzieren müssen, drucke ich mir Visitenkarten, auf denen steht: Benjamin von Sternenstaub. Privatier und berufsmäßiger Intrigant. Den Adelstitel kauf ich mir natürlich, ich muss nicht unbedingt weiter Kolb heißen.
Jutta flötete: „Oh, da freue ich mich darauf. Ich gehe mal in die Küche.“, und schwebte davon. Ich zwinkerte Kathinka zu. Arndt ergriff die Gelegenheit und sagte zu Luke: „Wir können ja die Kanone zusammen bauen und fahren dann mal wohin, wo Du richtig ballern kannst.“ Luke war begeistert. Später, als die Kinder schon im Bett waren, saßen wir noch zusammen. Als Jutta sich ins Bett verabschiedete, wollte ich diese Gelegenheit zum Aufbruch nutzen. Arndt hielt mich zurück. Vor lauter Weihnachts- und Kochstress war er in Trinklaune geraten. Die bösen Blicke von Jutta sah er nicht mehr oder ignorierte sie. „Benschi“, sagte er, „wir lassen es richtig krachen, mal kein Rentnerweihnachten, hahaha!“ Gut, dachte ich, was soll‘s. Zuhause würde ich wahrscheinlich rührselig werden und mich auch betrinken. Also kippten wir noch ein paar Gläser Wein. Auf dem Weg nach Hause hätte ich dann fast noch die Cognacflasche zertrümmert, die mir die beiden geschenkt hatten.
Am nächsten Morgen rief ich bei Jutta und Arndt an, sobald ich halbwegs geradeaus schauen konnte, um mich noch einmal zu bedanken. Da sie zu Juttas Eltern fahren wollten, musste ich auch recht früh anrufen. Jutta nahm ab und antwortete auf meinen Dankeschoral etwas kühl und distanziert, dass es nett gewesen sei, wenn auch sehr aufwändig, mal was anderes. Das "Mal" betonte sie so, dass selbst ich verstand, dass sich das nicht wiederholen sollte. Dann fügte sie noch hinzu, dass sie fahren müsse. Eigentlich hätte Arndt fahren wollen, aber er sähe aus, als hätte er eine unheilbare Krankheit und würde auch so jammern. Ich schluckte alle Kommentare herunter und drückte mein Bedauern aus.

Abends war ich bei Marion und Ralf eingeladen. Klar hatten die beiden im Vorfeld Jutta und Arndt ausgefragt, was sie denn kochen wollten. Aus der ursprünglich geplanten Weihnachtsgans wurde dann kurzfristig ein Wildgemsenbraten. Ganz schwer erhältlich, wie die beiden gefühlte 50 Mal erklärten. Ich hatte leise anklingen lassen, mir hätte ein einfaches Schnitzel genügt, wurde jedoch sofort mundtot damit gemacht, für den besten Freund sei nur das Beste gut genug. Leider musste ich bei allen Gängen etwas heucheln, denn meine Zunge fühlte sich wegen der Trinkerei eher an wie ein alter Lumpen und meine Geschmacksnerven schienen abgestorben zu sein. So konnte ich nur „Ah“s und „Oh“s machen zu Häppchen mit Tee-geräucherter Entenbrust und trockengebeiztem Lachs - natürlich extra aus Kanada besorgt und selbst gebeizt -, Löwenzahnsalat mit pochiertem Saibling und Morchelbutter, Brunnenkresseconsommé mit Trüffel- und Kürbiskernöl, Gamsbraten mit Haselnussspätzle und Wirsingroulade sowie Pfirsichkirschen mit Champagnerschaum gratiniert. Immerhin hatte auch ich kleine Ringe unter den Augen, was aber bei mir im Gegensatz zu Marion und Ralf nicht an der Kocherei lag. Sie waren ganz aufgeregt und fragten mich ständig, ob es mir auch so lecker schmecke, was auf die Dauer etwas anstrengend war. „Wir machen es uns richtig schön.“, beteuerten sie fortlaufend. Ihre Kinder aus den ersten Beziehungen waren bei den Expartnern. Normalerweise hätten sie eh nur ferngesehen, meinten sie. Ich kämpfte wegen der Völlerei und Trinkerei am Vorabend mit Übelkeitsattacken, dennoch fühlte ich mich sehr wohl. Natürlich tranken wir nur ausgewählte, teure Weine. Wieder wankte ich nach Hause.

Eigentlich wollte ich am 2. Weihnachtsfeiertag alleine entspannen, jedoch hatten im Vorfeld Hanne und Wolfgang sowie Sylvia und Patrick so lange gejammert, dass sie wohl Freunde zweiter Wahl wären, bis ich gemeint hatte, wir könnten doch zusammen ein Resteessen machen. Mit immer noch vollem Bauch schlug ich dann bei der Resteparty auf.
Das Buffet, das mich erwartete, hatte mit einem Resteessen soviel zu tun wie eine Hochzeitstorte mit einem Knäckebrot. Wenn das Reste sein sollten, dann wollte ich nicht wissen, was die vier bei einem richtigen Menü gekocht hätten. Natürlich wollte ich nicht undankbar erscheinen und beließ es bei der halbwitzigen Bemerkung, wann denn noch Patricks Fußballmannschaft komme. Gut gelaunt, wenn auch mit Ringen unter den Augen wegen der Kocherei für das Buffet, fingen die vier an, sich die Teller vollzuladen. Mit Argusaugen beobachteten sie, was und wie viel ich von welcher Speise nahm. Sobald ich nur schief in Richtung einer Platte schielte, trompetete gleich einer los: „Das habe ich gemacht! Super lecker! Das ist...“ Irgendwann war mir diese Ein-Mann-Aufführung zu viel, weshalb ich wahllos einfach von jeder Speise die gleiche Menge auf meinen Teller klatschte. Zu spät merkte ich, dass da auch eine Jalapeno-Crème und Fischsülze dabei waren. Wie ich das scharfe Zeug in dieser Menge und die Fischsülze, die ich überhaupt nicht mochte, herunterkriegen sollte, wusste ich nicht. „Eigentlich haben wir nach den zwei Tagen gar keinen Hunger mehr.“, sagte Wolfgang. Hanne und Wolfgang sind ein „Wir“-Paar. Die „Ich“-Form gibt es nur, wenn sich der eine über den anderen beschwert. „Und eigentlich hatten wir auch genug von der Kocherei.“, hub Hanne an. „Aber für Dich haben wir nochmal die letzten Reserven mobilisiert!“ Freudestrahlendes Augenringengeklimpere garnierte diese Schuldzuweisung. Ich sollte einen Vortrag über die Natur von Resteessen halten und warum Reste nichts mit neuen, aus frischen Zutaten zubereiteten Speisen zu tun haben. Aber ich war ja jetzt als guter Gast schon bestens geschult: lächelte, dankte und trank mein Bier. „Ja, ja“, sagte Patrick, „ich hab ja gemeint, dass Frikadellen, Fleischwurst und Kartoffelsalat reichen.“ „Ach Du“, schnitt ihm Sylvia das Wort ab, „unser Benji soll doch nicht zweimal das Gleiche bekommen. Das gab es sicher schon bei Jutta und Arndt, oder?“ Dieses „Oder“ war eine fünffach unterstrichene Frage. Jetzt begann schon wieder dieser Kochvergleich. Eigentlich wäre es besser gewesen, mit allen einen direkten Kochwettbewerb zu veranstalten, aber dann hätte ich nur einen Abend herum bekommen. Nein, entgegnete ich, die hätten sich kräftig ins Zeug gelegt. Dann durfte ich alle Speisen - auch die von Marion und Ralf - herunterbeten. Da ich nicht mehr alles wusste, erfand ich kurzerhand welche und fügte sorgfältig irgendetwas Französisches wie „au feu“ und „à la mode“ hinzu. Die vier erstarrten vor Ehrfurcht. „Umso mehr freue ich mich wieder auf ‚normales‘ Essen, schmeckt ausgezeichnet!“, tönte ich lauthals. Sofort war die Stimmung wieder gut. Und tatsächlich konnten wir auch fast ein Viertel des Buffets wegputzen. Den Rest würden ihre Kinder erledigen, meinten sie, das wären quasi Staubsauger. Auch dieser Abend endete sehr spät und ich wankte nach Hause.

Ein knappes Jahr später hatte sich meine Situation leider nicht verändert. So langsam rückte Weihnachten näher. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Eigentlich hatte ich gehofft, dass meine Freunde, die sich um mich gerissen hatten, ein regelrechtes Stechen veranstalten würden. Aber weit gefehlt, im Gegenteil: Immer, wenn ich das Thema anstupste mit Bemerkungen wie „Bald müssen wir wieder Geschenke kaufen“ oder „Ob die Weihnachtsbäume wieder teurer werden“, kamen entweder nichtssagende Kommentare wie „Ja, ja, schon möglich“ oder direkte Vermeidungssätze wie „Ist ja noch hin“.

Als ich Arndt und Jutta mit ihren Kindern zufällig beim Einkaufen traf, war es genug. Sie hatten zwei Einkaufswagen, den einen brauchten sie für den Weihnachtsbaum. „Aha, wird Weihnachten vorbereitet.“, schmetterte ich ihnen entgegen. Jutta begab sich quasi in Kampfstellung, Arndt hätte sich am liebsten hinter dem nächsten Regal versteckt. „Weißt Du, letztes Jahr, das war schon sehr aufwändig, und den Kindern hat es nicht geschmeckt.“, setzte Jutta an. Man konnte förmlich sehen, wie sie Luft einsaugte, um mich gleich mit einer riesigen Anklage zu überziehen. Ich konnte mir ausmalen, was kommen würde: Kriegsspielzeug, Aufreißerkurs, Saufen bis in die Nacht. Aber am schlimmsten wäre wohl, dass mir die Reste besser geschmeckt hätten, als ihr „Schi-Schi-Essen“, wie nämlich meine letzten Gastgeber munter verbreitet hatten. Bevor sie dazu kam, griff Arndt geistesgegenwärtig ein. „Benji, das ist jetzt blöd. Weißt Du, Juttas Eltern haben sich quasi eingeladen.“ Juttas Blick zeigte deutlich, dass das eine glatte Lüge war. Sowieso schon in Angriffslaune brach es aus ihr heraus: „Aha, meine Eltern laden sich ein. Als ob meine Eltern das nötig hätten! Du kannst froh sein, wenn die uns überhaupt an Weihnachten sehen wollen nach Deinem Auftritt im letzten Jahr.“ Luke, der nicht richtig zugehört hatte, rief begeistert: „Oma und Opa kommen? Ist ja cool. Papa hat ja gesagt, wir feiern allein.“ Die Ehrlichkeit von Kindern steht manchmal im krassen Widerspruch zu ihrem diplomatischen Geschick. Arndt suchte nun schon eine Höhle, um sich darin zu verkriechen. Kathinka, die eh in die Revoluzzerphase kam, setzte nach: „Im Religionsunterricht haben wir die Weihnachtsgeschichte durchgenommen. Da ziehen zwei Menschen von Haus zu Haus und müssen in einen Stall gehen, weil keiner sie aufnehmen will.“ Das saß. Jetzt schaute selbst Jutta irritiert. Das war mein Einsatz: „Ich finde das nicht fair. Ich habe zu Euch allen gesagt, Ihr braucht nichts Großartiges zu machen. Natürlich habe ich mich wahnsinnig über das grandiose Essen und die wunderbaren Abende gefreut. Aber statt wieder mit mir feiern zu wollen, schiebt Ihr alle eine Ausrede vor. Das ist ein richtiger Schlag in die Magengrube. Ich habe mich weder daneben benommen noch Anforderungen gestellt. Ralf und Marion haben groß getönt, da sie ihre Kinder am 1. Feiertag hätten, wollten sie Heiligabend in trauter Zweisamkeit verbringen. Dabei regen sie sich hinter meinem Rücken auf, ich hätte mir nicht einmal die Gänge merken können. Wenn sie Frikadellen mit Kartoffelsalat gemacht hätten, hätten sie mit dem ganzen Geld, das für die Leckerbissen draufgegangen ist, eine Reise nach Rom machen können.“ Ich holte kurz Luft. „Hanne, Wolfgang, Sylvia und Patrick haben gemeint, am zweiten Weihnachtsfeiertag seien sie auf Diät und wollten auch nicht groß kochen. Was hat denn ein Resteessen mit Kochen zu tun? Geht es Euch denn nur darum, zu zeigen, wer besser kochen kann? Ich will doch lediglich mit meinen Freunden feiern und nicht alleine vor dem Fernseher sitzen müssen. Mir reicht schon eine Pizza!“, schimpfte ich. „Ich mag Pizza!“ schrie Luke. „Ich finde die Idee super.“, mischte sich Kathinka ein, die immer noch dankbar für den Make-up-Kurs mit Lauftraining war. „Dann kann sich auch jeder das drauf machen, was er will. Und wenn wir den Teig selbst machen, ist es was ganz Besonderes.“ „Pizza! Pizza! Pizza!“, skandierte Luke. Arndt legte seinen Arm um Jutta und sagte mit Bestimmtheit in seiner Stimme: „Natürlich lassen wir Dich nicht alleine an Weihnachten sitzen. Es ist beschlossene Sache, wir machen Weihnachtspizza und laden Dich gerne ein.“ Jutta wollte eben zu einer Erwiderung ansetzen, als sie Arndts Blick traf, der keinen Zweifel an dieser Entscheidung aufkommen ließ.

Innerlich etwas angespannt schlug ich am 24.12. bei Jutta und Arndt auf. Sie hatten keine Ringe unter den Augen, erster Pluspunkt für den Abend. Ich freute mich schon auf meine Lieblingspizza: Schinken, Artischocken und Champignons. Jutta schaute kritisch, als Arndt die Gläser mit Wein füllte. Ok, ein Minuspunkt. „Wir haben eine kleine Suppe und ein paar Appetithappen vorbereitet.“, strahlte Arndt. Sie können es einfach nicht lassen, fuhr es mir durch den Kopf. Zwei zu eins für die Minusseite, besser ich zähle gar nicht mehr. „Nichts Aufwändiges. Tomatencappuccino mit Parmesanschaum, Hähnchen-Saltimbocca-Spießchen, Vitello-Tonato-Häppchen und … Ach, lasst Euch überraschen.“ „Ist da Fisch drin? Ich mag keinen Fisch.“, maulte Luke. „Nur ein bißchen. Das merkst Du gar nicht. Außerdem ist Fisch gesund.“, tadelte ihn Jutta. Mir lief es kurz kalt den Rücken herunter. Wenn Mütter so etwas sagen, weißt du schon im Voraus, dass das Essen fast nur aus Fisch bestehen und nicht schmecken wird. Arndt erstickte jeden Streit im Keim: „Heute ist Weihnachten, da darf jeder essen, was er will.“ Mit diesen Worten zog er Jutta hinaus in die Küche. Ich wandte mich zu Luke: „Denk einfach an die Pizza. Und wenn Dir was nicht schmeckt, gibst Du es heimlich mir.“
Nach den Vorspeisen war es dann soweit: Pizza. Leider hatten Arndt und Jutta darauf bestanden, nicht nur die erste Pizza zu belegen, vielmehr mussten wir alle auch ein Stück davon essen. „Natürlich ist es keine normale Pizza.“, verkündete Arndt stolz. Ich hatte es befürchtet. Lauter exotische und luxuriöse Zutaten machten aus der Pizza einen kulinarischen Alptraum. Lukes Pizza sah aus wie ein entlaubter Baum, da er so ziemlich alles heruntergekratzt hatte. „Also, ich dachte, der San-Daniele-Schinken setzt sich stärker gegen die Maronen durch. Und den echten Büffelmilchmozarella schmeckt man gar nicht raus.“, sagte Jutta etwas bedrückt. „Wo ist das Blattgold?“, fragte ich zum Glück nicht laut, sondern dachte es nur. „Man muss auch mal was ausprobieren, sonst würden wir Menschen heute noch rohes Fleisch essen.“, munterte ich sie auf. „Außerdem passt doch der Rucola ausgezeichnet zu den Maronen.“ „Das ist blanchierter und frittierter Zitronen-Sand-Thymian.“, gab Jutta zum Besten. „Bäh, jetzt muss ich auch noch Sand essen!“, plärrte Luke und schob seine Pizza endgültig zur Seite. Ich übernahm: „Luke, schau mal.“ Aus meiner Tasche zog ich einfache Salami, Schinken, Champignons usw., was man halt für eine gute, einfache Pizza braucht. Luke jubelte: „Geil! Was ist das denn?“, fragte er und zeigte auf die Artischocken. „Och, das magst Du nicht, das schmeckt sauer. Kannst natürlich probieren, das sind Artischocken, eine Pflanze, kein Fisch.“, meinte ich. „Die sind gesund, iss die ruhig. Die senken das Cholesterin und beugen der Arteriosklerose vor.“, belehrte Jutta ihren Sprössling. Arndt verdrehte genervt die Augen. Wie ich wusste, war Jutta seit einiger Zeit auf dem Gesundheitstrip. „Luke ist gerade mal neun Jahre alt, da muss man sich noch keine Gedanken um Cholesterin oder Sklerose machen. Und jetzt belegt sich jeder seine Pizza, wie er will.“ Arndt spricht selten mal ein Machtwort, aber wenn dies geschieht, dann gibt auch Jutta keine Widerworte mehr. Etwas später kauten alle begeistert an ihrer Pizza, alle wurden satt und allen hat es geschmeckt. Die Weihnachtspizza war geboren!
Ein Erfolg kommt selten allein. Am nächsten Tag war ich bei Hanne, Wolfgang, Sylvia und Patrick eingeladen. Diesmal waren auch einige ihrer Kinder dabei. Daher machten sie eine große Weihnachtspizzaparty. Klar mussten auch sie etwas „Besonderes“ bieten, bevor es die beliebte gewöhnliche Pizza gab. Mit Feigen, Schafskäse und Thymianhonig konnte ich mich durchaus anfreunden, aber die Version Lachs, Vanille, Chili und Zimt ist eher nichts für mich.

Ein weiteres Jahr verging und dennoch gab es keine Weihnachtspanik, denn alle machten Weihnachtspizza und ich freute mich auf das Feiern mit Freunden. Das Jahr darauf wiederholte sich die Prozedur: Während andere Enten, Gänse und Braten schmausten, gab es für mich Pizza. Durch den Erfolg ermuntert entwickelten meine Freunde bald alle Arten von Feiertagspizzen. Faschingspizza, Frühlingspizza, Osterpizza, Geburtstagspizza. An die Hochzeitspizza hatte sich bislang noch keiner gewagt, aber ansonsten wurde keine Gelegenheit ausgelassen: Mittsommernachtspizza, Halloweenpizza, Erster-Schnee-Pizza. Nach der Überraschungsnikolauspizza platzte mir der Kragen: Ich will keine Weihnachtspizza mehr.

Seit letztem Weihnachten sind alle glücklich, auch ich. Denn nun ist das Motto „Futtern wie bei Muttern“. Ausdrücklich habe ich mir Frikadellen mit Kartoffelsalat gewünscht und zwar ohne aufwändigen Schnickschnack. Und für Kathinka, die gerade ihre vegane Phase hat, habe ich Frikadellen aus Champignons gemacht. Ich habe ihr natürlich nicht gesagt, dass Champignons mit Pferdeäpfeln gedüngt werden und man sich streiten kann, ob das dann noch vegan ist. Luke, der gerade richtig am pubertieren ist, hat mich dankbar angesehen und so richtig viel in sich hineingestopft. Mich hat am meisten glücklich gemacht, dass Kathinka mit hochhackigen Schuhen so sicher gelaufen ist, als würde sie nie etwas anderes tragen. „Du bewegst Dich richtig grazil wie ein Model.“, sagte ich. „Das hast Du wohl von Deiner Mutter.“, bemerkte ich in Richtung Jutta, die auch schöne Pumps angezogen hatte und ebenfalls eine gute Figur machte. Sie strahlte heller als der Weihnachtsbaum. Arndt konnte sich gar nicht entscheiden, ob er stolzer auf seine hübsche Tochter oder seine schöne Frau sein sollte. „Und weißt Du was?“, sagte er zu mir, „Wir haben beschlossen, Morgen nicht zu Juttas oder meinen Eltern zu fahren. Dann können wir auch mal einen heben.“ Jutta lachte: „Da bin ich dabei.“ „Und Eure Eltern wollten auch nicht kommen?“, fragte ich. Arndt lachte schelmisch: „Sie hatten plötzlich am ersten Weihnachtsfeiertag was vor, als wir gemeint haben, es gäbe Weihnachtspizza.“


Alexandre Cham

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