Selbstgeschriebenes

Altraterra: Kapitel 25

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 03. Dezember 2014 um 18:56 Uhr Geschrieben von: Yvonne Montag, den 24. November 2014 um 18:31 Uhr



In Kürze erscheint Altraterra Band 2. Damit Ihr optimal darauf vorbereitet seid, gibt es eine Zusammenfassung in täglichen Beiträgen auf Altraterras Facebookseite.Hier möchte ich Euch nun Kapitel 25 zum Lesen freigeben, da es ganz essenziell für Band 2 ist.

Kapitel 25: Die weise Samira

Den Raum, den Anne nun betrat, sah sie nicht zum ersten Mal. Er war wie eine Blüte geformt und enthielt das runde Fenster, durch das Anne in ihrem Traum hineingeschwebt war. So war sie nicht überrascht, in der weisen Samira die alte Dame wiederzuerkennen, die sie mit ihrer Melodie zu sich gerufen hatte. Doch ihre bernsteinfarbenen Augen blickten nun wie durch Anne hindurch. „Ich bin die, die du gesucht hast. Tritt ein und nimm Platz“, sagte die weise Samira, die in eine Art dunkelgrünes Wickeltuch gehüllt war, und wies Anne einen Platz neben sich im hinteren Teil des Raumes zu. Während der vordere Bereich durch die runden Fenster hell erleuchtet war, lag dieser – fensterlos – fast völlig im Dunkeln.

Kaum hatte Anne Platz genommen, als die faltigen Hände der alten Frau nach ihrem Gesicht tasteten. Anne verharrte schweigend auf ihrem Platz, bis die weise Samira innehielt und lächelte. „Du hast also zu mir gefunden, Isadoras Tochter.“ Ihre Worte enthielten keine Frage. „Ich heiße dich willkommen im Magnoliensaal“, fuhr Samira fort, „auch wenn du ja heute nicht zum ersten Mal hier bist. Sicherlich hat man dich darauf vorbereitet, dass die weise Samira eine Voraussage über dein Leben treffen wird. Aber bevor ich mich in den Zustand versetze, der mir gestattet, die Zukunft zu sehen, sollten wir über einige Dinge sprechen.“ Anne hatte zunächst genickt, doch dann fiel ihr ein, dass Samira es nicht sehen konnte. So sagte sie: „Ich bin froh, endlich mit jemandem über all dies sprechen zu können. Ich habe in einem Buch gelesen, dass ich eine Somnia bin. Also haben wir uns wohl in meinem Traum tatsächlich getroffen?“ Samira blickte in Annes Richtung, obwohl sie sie nicht sehen konnte. „Ich selbst war zu dieser Stunde in einem Zustand der Trance. So könnte man sagen, dass wir uns beide im Traum begegnet sind. In meinen Träumen behindert mich mein schwaches Augenlicht nicht – ich sehe meine Visionen immer klar und deutlich. Doch nun, da du in der Welt der Magie lebst, Anne, musst du damit aufhören, Traum und Wirklichkeit auf diese Weise zu unterscheiden.“

Anne war überrascht, weil Samira wusste, dass sie bisher nicht in einer Welt der Magie gelebt hatte. „Ich sehe jedes Wort, dass du denkst, Anne, seit du diesen Raum betreten hast. Du musst mir deine Geschichte nicht erzählen – ich kenne sie bereits. Ich weiß um die Ängste, die du hast, und die Gefühle, die du hegst. Seit mein Augenlicht erloschen ist, sind meine übrigen Sinne geschärft und die Gabe der Hellsichtigkeit, die ich wie du seit jeher besitze, erlaubt mir, mehr zu erfahren, als ich es mit meinen Augen jemals könnte.“ Anne war zutiefst beeindruckt und fasziniert von Samira. „Dann wisst Ihr auch, welche Fragen mich beschäftigen?“ wollte sie wissen. „Oh ja!“ Samira lächelte. „Wir haben nicht genügend Zeit, um auf alles einzugehen. Andere werden kommen und dir mit deinen Zauberkräften helfen. Sie werden dich lehren, was du wissen möchtest. Doch es gibt etwas, worüber wir sprechen müssen, denn niemand anderer weiß um deine Träume.“

Anne war nun doch ein wenig enttäuscht. Andere würden ihr mit ihren Kräften helfen? Wer sollte das sein, wenn nicht Samira? „Kommt Zeit, kommt Rat, mein Kind“, beantwortete Samira die gedachte Frage. „Doch nun, Anne, zurück zu deinem Traum. Du ahnst nicht, in welcher Gefahr du schwebtest und noch immer schwebst und deshalb habe ich dich zu mir gerufen.“ Samira hatte die Worte so bedeutungsvoll ausgesprochen, dass Anne erschauderte. „Hast du schon einmal von einer Kristallkugel gehört, mit der die Schwarzmagier agieren?“ „Ja“, antwortete Anne, „Miraj erzählte mir, dass damit meiner Mutter falsche Traumbilder geschickt wurden und sie daraufhin aufbrach, um meine Tante zu retten und so in Gefangenschaft geriet.“ Samira machte ein zufriedenes, doch zugleich sehr betrübtes Gesicht. „Sehr richtig, Anne. Wir haben mit dieser Methode der Schwarzmagier nicht nur deine Mutter verloren, sondern noch viele andere Grünmagier und dies hat unser Volk so entscheidend geschwächt, dass wir uns hier unten im Süden vor ihnen verstecken müssen. Ich sehe, dass du dich schon einmal gefragt hast, ob die Ringe zwischen den verschiedenen Steinkreisen unterschiedlich stark geschützt sind. Das stimmt.“

„Warum erzählt Ihr mir davon?“ wollte Anne wissen. „Wie ich schon sagte, schwebst du in großer Gefahr. Wir hier hinter dem vierten Steinkreis sind vor den Angriffen der Schwarzmagier aufgrund unserer Macht zurzeit noch sicher. Und das gilt nicht nur für ihre Übergriffe, da sie diesen Ort niemals betreten können. Viel wichtiger ist, dass ihre Gedanken und Visionen, die sie mithilfe der Kristallkugel schicken, uns hier nicht erreichen können. Aber dich schon, da du zu weit außerhalb lebst. Du hast als Somnia eine große Kraft, doch gerade diese bringt dich stärker in Gefahr als die Menschen im roten und gelben Ring, die diese Kraft nicht haben. Die Schwarzmagier können gerade diese Fähigkeit von dir nutzen, um dich zu erreichen, Anne. Alle Männer und Frauen, die in der Vergangenheit von den Schwarzmagiern verführt wurden und blindlings in ihr Verderben gerannt sind, waren Somniae.“ Anne erschrak und schwieg einen Moment. Dann wandte sie ein: „Aber wo ich jetzt weiß, dass die Schwarzmagier versuchen werden, mich in eine Falle zu locken, würde ich doch niemals darauf hereinfallen.“ Samira zog die Augenbrauen hoch: „Erinnere dich an deinen Traum, Anne. Was hast du dort getan?“ – „Ich bin zu ihnen geschwebt, bis ich eine Melodie hörte. Und dann bin ich umgekehrt.“ Samira nickte ihr zufrieden zu. „Anne, glaubst du, deine Mutter war schwach und wäre ohne Weiteres auf die Schwarzmagier hereingefallen? Um herauszufinden, ob sie eine falsche Vision vor sich hatte, hätte sie doch nur Kontakt zu Gwynda aufnehmen müssen. Warum wohl hat sie es nicht getan?“

Anne brauchte eine Weile, bis sie die Antwort gefunden hatte. Samira schwieg abwartend, dann fuhr sie fort: „Ich sehe, du kommst der Sache näher. Die Schwarzmagier senden den Somniae nicht einfach nur falsche Bilder. So wie du deine Verwandten gesehen hast, die nach dir gerufen haben, obwohl sie nicht mehr am Leben sind, schicken sie Gestalten, die verführen. Wärst du ihnen im Traum bis in den Norden gefolgt, dann wärest du den Schwarzmagiern ausgeliefert gewesen. Denn so wie dein Körper schlafwandelt, tut dies auch dein Geist, Anne. Sie hätten deinen Geist gefangen genommen. Und sobald du aufgewacht wärst, wärst du von nun an davon besessen gewesen, dorthin zu reiten, um deine Familienmitglieder zu rächen. Keine Macht der magischen Welt hätte dich davon abgebracht. In dem Moment, wenn die Schwarzmagier den Geist und den Willen eines Grünmagiers oder magischen Menschen gefangen haben, ist er ihnen rettungslos ausgeliefert.“

Anne schwieg. Panische Angst breitete sich in ihr aus. Genau wie es in dem Traumlexikon geheißen hatte, war ihr Traum also eine reale Begegnung mit den Schwarzmagiern gewesen. „Aber wie konnte ich es schaffen, ihnen zu entkommen?“ Samira lächelte. „Du hast einen starken Willen, Anne. Obwohl du nicht geschult bist. Das ist bemerkenswert. Es hat mich überrascht, wie stark dein Widerstand war – und die Schwarzmagier ebenfalls.“ – „Hatte die Melodie etwas mit meiner Rettung zu tun? Sie kam von Euch, nicht wahr?“, wollte Anne wissen. Samira seufzte. „Ich wünschte, es wäre so, Anne, denn dann könnte ich dich jederzeit wieder retten. Und alle anderen auch. Die Melodie kam von mir, das ist richtig. Aber dass du sie gehört hast, war nicht mein Verdienst. Ich war in Trance, als die Schwarzmagier in deinen Geist eindrangen, und so konnte ich sehen, was geschah. Aber ich habe nur die Macht, zu beobachten, und nicht einzugreifen. Hätte ich versucht, dich zu retten, so hätte ich mich auf ein Kräftemessen mit den Schwarzmagiern eingelassen, das den gesamten Orden geschwächt hätte. Hätte ich verloren, so wäre mit mir alle Hoffnung erloschen, sie jemals zu besiegen.“

Das verstand Anne nicht. „Aber der Orden ist doch so mächtig?“ – „Du bist wie deine Mutter, Anne. Du möchtest stets die ganze Wahrheit. Ja, ich kannte Isadora gut. Und doch konnte ich sie nicht retten. Du hast doch sicher schon von der Prophezeiung gehört?“ Anne hatte Mühe mitzuhalten, so wie Samira von einem Thema zum nächsten sprang. „Die, dass jemand kommen soll, um die Schwarzmagier zu besiegen?“ fragte sie. „Ganz genau. Diese Prophezeiung stammt von mir. Ich habe sie vor vielen Jahrzehnten ausgesprochen.“ Anne staunte. Ihr wurde immer klarer, mit wem sie hier zusammensaß. „Falls ich sterbe, bevor der Auserwählte kommt, so wird er mit mir sterben. Wir sind untrennbar verbunden durch die Prophezeiung. Das meine ich, wenn ich sage: Wenn ich sterbe, stirbt die Hoffnung. Deshalb darf ich nicht gegen die Schwarzmagier kämpfen, selbst wenn ich es wollte.“

Anne ahnte allmählich, wie stark die Dinge miteinander verwoben waren. „Aber wenn mein Bruder nun in den Fängen der Schwarzmagier ist, bedeutet das nicht ...“ Samira blickte sie mit ihren ausdruckslosen Augen an. Ihre Züge waren sehr ernst. „Dein Bruder ist nicht der Auserwählte“, sagte sie langsam. „Der Hohe Rat hat ihn dazu bestimmt, doch der Orden hat ihm nie seinen Segen gegeben. Henri verfügt über mächtige Kräfte und der Hohe Rat war der Ansicht, es sei vonnöten, dem Volk Hoffnung zu geben, indem sie jemanden ausgucken, der es angeblich sei. Wir leben in dunklen Zeiten und alle wünschen, dass der oder die Auserwählte bald kommen möge. Doch Henri ist es nicht.“ – „Aber – er hat doch selbst so verzweifelt daran geglaubt. Er hat doch seine Hoffnungen darauf aufgebaut.“ Anne war den Tränen nahe. Langsam wurde ihr dies alles zu viel.

Samira schwieg eine Weile. Dann sagte sie nachdrücklich: „Du darfst dich nicht um das Schicksal deines Bruders sorgen, Anne. Es ist zweifellos tragisch, aber du wirst daran nichts ändern können. Henri ist sein eigener Weg bestimmt, ganz genau wie dir. Wie deine Mutter machst du dir viel zu viele Sorgen um andere. Hätte sie das nicht getan, so wäre Isadora noch am Leben. Und mir geht es nun darum, dein Leben zu retten. Die Schwarzmagier sind bei ihrem ersten Versuch, dich zu verführen, gescheitert. Aber sie werden es wieder und immer wieder versuchen, jetzt wo sie von dir wissen. Deine Kräfte werden mit der Zeit immer mächtiger und ebenso werden die Schwarzmagier künftig entschiedener versuchen, dich zu vernichten. Du darfst ihnen niemals nachgeben. Egal, wie verzweifelt du sein magst und egal, welche Bilder sie dir zeigen – du darfst nicht auf sie hören.“ Anne schwieg. Sie war aufgewühlt, ein wenig ängstlich wegen der Schwarzmagier und zugleich wütend auf den Hohen Rat wegen der falschen Hoffnungen, die er Henri gemacht hatte. Letztlich war ihr Vater deswegen gestorben.

„Nun, wenn deine Fragen damit beantwortet sind, sollten wir zur Voraussage kommen. Sie wird dir helfen, deinen Weg zu finden.“ Doch Anne unterbrach sie, sie konnte nicht an sich halten: „Eine Frage habe ich noch. Wieso ist Euch mein Schicksal so wichtig und das meines Bruders so gleichgültig?“ Samira antwortete nicht. Nach einer schier endlosen Zeit sagte sie schließlich: „Anne, es besteht kein Grund, wütend zu werden. Du kannst die Dinge im Moment nicht ändern. Vieles, was du jetzt noch nicht verstehst, wird die Zeit offenbaren. Du bist sehr jung und es ist verständlich, dass du alles sofort haben willst. Aber du wirst lernen müssen, dich in Geduld zu üben. Dies ist eine der wichtigsten Lektionen, die man im Leben zu lernen hat. Wenn der rechte Moment gekommen ist, wirst du erfahren haben, was nötig ist. Im Augenblick ist nur wichtig, dass du auf dich selbst achtgibst. Und für einen jungen Menschen in so schwierigen Umständen ist dies bereits Bürde genug.“

Anne wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie fühlte sich auf einmal unendlich einsam und dabei hatte sie doch gehofft, dass Samira ihr helfen würde, gerade diese Einsamkeit zu überwinden. Jedes gelöste Rätsel schien nur neue Rätsel aufzuwerfen, jede Frage sie noch tiefer in die Unwissenheit zu stürzen. Vielleicht hatte Samira recht und die Antworten würden mit der Zeit kommen. Anne dachte noch einen Augenblick darüber nach. Dann willigte sie ein, nun mit der Voraussage fortzufahren, da sie fühlte, dass Samira ihr nichts mehr sagen würde.



Samira hatte die Augen geschlossen und war von Kopf bis Fuß in Nebel eingehüllt. So saß sie bereits seit einer Stunde auf ihrem Stuhl. Bis auf gelegentliche Seufzer hatte sie keinen Laut von sich gegeben. Anne saß noch immer kerzengerade da und dachte über all das nach, was sie gehört hatte. Sie bereute nun, dass sie Samira nicht gefragt hatte, ob es Möglichkeiten gab, ihren Geist vor den Schwarzmagiern zu verschließen. Aber nun war es zu spät. Anne wurde allmählich müde. Sie fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis endlich die Voraussage kam.

Beinahe war Anne schon eingedöst, als Samira sich plötzlich regte. Sie setzte sich auf, ihre bernsteinfarbenen Augen waren offen und leuchteten. Wahrscheinlich kann sie nun sehen, dachte Anne. Samira sagte klar und deutlich: „Dunkle Zeiten kommen auf uns zu, Zeiten voller schwarzer Magie und Uneinigkeit. Wir werden viele Menschen verlieren und es mag zuweilen aussehen, als würden wir untergehen. Doch ich sehe auch Hoffnung und die Hoffnung liegt in Mut und Stärke der Einzelnen. Du musst dich ihm stellen und du musst siegen. Das ist unabdingbar. Und du darfst dich von keiner Seite verführen lassen, denn sonst wirst du scheitern. Finde deine Kraft in dir selbst und vertraue nur auf deine innere Stimme. Erst dann bist du reif für deine größte Herausforderung.“

Samira schwieg und schloss nach einer Weile die Augen wieder. Sie schien zu schlafen. Anne blieb noch eine ganze Weile sitzen, während der sie versuchte, sich einen Reim aus Samiras Worten zu machen. Doch schließlich stand sie auf und verließ auf Zehenspitzen den Raum. Sie schloss die Tür hinter sich und ging die Treppe hinab, bis sie wieder in den Saal kam, wo sie mit der Oberin gesprochen hatte. Niemand war hier. Anne fühlte eine nicht zu bändigende Müdigkeit, setzte sich in den Ohrensessel und streckte sich darin aus, so gut es ging. Sie wollte über die Voraussage nachdenken, doch nach nicht einmal fünf Minuten war sie eingeschlafen.


(c) Yvonne Pioch
 

3. Dezember (Der Männer-Backomat 2)

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 03. Dezember 2014 um 18:55 Uhr Geschrieben von: Yvonne Dienstag, den 03. Dezember 2013 um 00:37 Uhr



"Mir ist sowas von übel!", erklärte Bianca mit einem leidenden Gesichtsausdruck und ließ sich in meine Couchkissen sinken. Wir hatten gerade jeder 5 handtellergroße Pralinen verdrückt und - um das Sodbrennen danach loszuwerden - noch jeder eine Pizza.

Nachdem gestern die riesige Pralinenschachtel eingetroffen war (eine neutrale Umschreibung dafür, dass wir immer noch nicht wussten, WIE sie eingetroffen war) hatte ich Bianca gleich angerufen. Mein Handy hatte mich nämlich belogen, sie hatte gar nicht gewhatsappt und befand sich auch noch brav im Jahr 2013. Wir hatten beschlossen, dass eine Analyse der Pralinenschachtel aus der Ferne kaum möglich war. Also war Bianca kurzerhand vorbeigekommen, um das Riesenbaby mit mir in Augenschein zu nehmen.

Zunächst hatten wir das Ding eine Weile ehrfürchtig umkreist - und zwar buchstäblich, denn auch ohne Karton und Papier war die Schachtel so monströs, dass sie etwa so viel Raum in meinem Wohnzimmer einnahm wie ein Ein-Mann-Zelt. Dann hatten wir sie vorsichtig aufgemacht, wobei Bianca der Fingernagel abgebrochen war. Als wir uns endlich durch das Goldpapier gewühlt hatten, hatten wir in der Harmonie eines Kirchenchores gleichzeitig mehrmals hintereinander "Oh Ah Ui" gerufen. Wir hatten damit gerechnet, etwa 500 Pralinen darin vorzufinden, stattdessen waren die Pralinen einfach GROSS.

Nun hatten wir eine Weile das Für und Wider diskutiert, in einen Trüffel zu beißen, der gerade die richtige Dimension für den Halbriesen Hagrid aus Harry Potter gehabt hätte. Was, wenn sie mit Alkohol gefüllt waren? Dann wurde man von nur einer Praline wahrscheinlich komplett betrunken. Was, wenn bei der Herstellung irgendwas schiefgegangen war und sie innen zäh waren wie Plombenzieher? Dann mussten wir danach beide zum Zahnarzt. Und am allerschlimmsten: Was, wenn sie mit einer so hochkonzentrierten Dosis von Zimt gefüllt waren, sodass Bianca und ich anschließend willkürlich durch die Zeit reisten und irgendwo rauskamen, wo uns niemand mehr zurückschicken konnte? Doch dann war Bianca der Geduldsfaden gerissen und sie hatte todesmutig in den ersten Trüffel gebissen. Ihr glücklicher Gesichtsausdruck hatte mich sofort überzeugt, dass ich auch so ein Ding kosten musste.

Danach waren wir beide in einen Rausch verfallen und hatten gefuttert, bis beinahe der Arzt hätte kommen müssen. Im Zuckerkoma hatten wir etwa eine Stunde lang auf dem Wohnzimmerteppich gelegen und uns die Bäuche gehalten. Dann war ich mühsam aufgestanden, hatte zwei Flaschen Wasser aus der Küche geholt und bei Joey's Pizza angerufen. Und hier saßen - nein, hingen wir nun auf meiner Couch und hätten uns vermutlich übergeben, hätte man sich dafür nicht bewegen müssen.

"Also", schnaufte ich, "gut sind sie und fertig machen sie einen auch. Bleibt nur noch die Frage: Wie sind sie hierher gekommen und in wessen Auftrag?" Bianca, die anscheinend noch nicht die Kraft für vollständige Sätze wiedergewonnen hatte, ächzte nur: "Jon?" Ich erkundigte mich: "Du meinst, er ist draußen den Baum hochgeklettert und hat es mit dem Riesenpaket bis in den 5. Stock geschafft? Warte, lass mich nachgucken, ob er danach zusammengebrochen ist und hinter meiner Couch liegt." Ich tat, als wollte ich aufstehen und nachsehen, was ich sofort bereute, da sich mein Magen zusammenkrampfte. Bianca keuchte: "Quatsch. Sie sind von Jon. Hergebracht hat er sie natürlich nicht." - "Wer dann?", wollte ich wissen. "Ein Affe?"

Bianca und ich gaben uns alle Mühe, aber wir schafften es einfach nicht, eine vernünftige Theorie aufzustellen, wie die zuckerkomaauslösenden Riesenpralinen ihren Weg in mein Wohnzimmer gefunden hatten. Affen erschienen uns so unwahrscheinlich wie Elefanten, der Weihnachtsmann schied auch aus und selbst Eno trauten wir nicht zu, auf einer Sternschnuppe herzureiten und mir Pralinen durchs Fenster zu werfen. Wir waren vollkommen ratlos, aber weil wir von all der Völlerei so fertig waren, war es uns für den Moment auch egal. Wir schliefen beide auf meiner Couch ein und verbrachten anschließend jeder einen sehr langen 3. Dezember im Büro mit Bauchweh und Rückenschmerzen vom komischen Liegen.

Fortsetzung folgt ... in Kürze in Buchform! :-)
 

2. Dezember (Der Männer-Backomat 2)

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:44 Uhr Geschrieben von: Yvonne Montag, den 02. Dezember 2013 um 00:19 Uhr



Am nächsten Tag war ich im Hinblick auf meine Beziehung gnädiger gestimmt. Jon und ich hatten am Vorabend noch telefoniert, nachdem ich den Brombeer-Glühwein verdaut hatte. Es war eines dieser Gespräche gewesen, die alles an seinen Platz rücken und bei denen man sich vollkommen verstanden fühlt.

Vor lauter Glückseligkeit tanzte ich noch heute nach der Arbeit durch die Küche und backte Weckmänner und Weckfrauen, die einander an der Teighand hielten. Immer wieder warf ich zwischendrin einen Blick auf mein Blackberry, weil ich so halb mit einem Anruf von Bianca rechnete, dass Eno sie in irgendein zukünftiges Jahr entführt hatte, um Tanzpartner zu designen.

Als ich gerade die erste Fuhre Weckpaare aus dem Ofen holte, gab mein Handy ein Glucksen von sich, dem ich entnahm, dass eine What's App angekommen war. Also doch! Bianca! Ich verbrannte mir die Finger, als ich das Backblech auf den Herd donnerte, um so schnell wie möglich zu lesen, was sich ereignet hatte.

Doch als ich zum Wohnzimmertisch eilte, war mein Handy nicht zu sehen. Stattdessen prangte dort ein riesiger Pappkarton. Ich fuhr zusammen. Wie war das Monsterteil, in das sicherlich ein kleiner Elefant gepasst hätte, bloß hierher gekommen? Jetzt mal abgesehen von der Möglichkeit, dass tatsächlich ein Elefant darin war und er einfach unbemerkt in meine Wohnung gelaufen war.

Ich wuchtete das Monstrum vom Tisch, bevor der noch unter seiner Last zusammenbrach. Zu meiner Überraschung war das Teil nicht besonders schwer, nur irgendwie überdimensioniert. Ich entknotete mühsam die riesige rote Schleife, die um das Paket gewickelt war, entfernte ganze Rollen von Tesastreifen, wühlte mich durch Berge von Papier und fand schließlich - eine riesenhafte Schachtel Pralinen. Einen Jahresvorrat sozusagen.
   

1. Dezember (Der Männer-Backomat 2)

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Dezember 2013 um 12:44 Uhr Geschrieben von: Yvonne Sonntag, den 01. Dezember 2013 um 00:27 Uhr



"... und dann stehe ich da 20 Minuten sinnlos rum und dieser blöde Trottel kommt einfach nicht!", schimpfte meine beste Freundin Bianca und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Brombeer-Glühwein. Wir standen mitten im Weihnachtsmarkt-Gewühl auf dem Römer und waren so gar nicht in Festtags-Stimmung, von dem wirklich köstlichen Gesöff mal abgesehen. Bianca hatte sich kürzlich entschieden, ihre Salsa-Künste aufzubessern, für einen Wochenend-Workshop angemeldet und war prompt von ihrem neuen Tanzpartner versetzt worden.

Mit einem Knall stellte ich meine Tasse auf den Stehtisch - es war bereits der dritte Glühwein gewesen - und verkündete lautstark: "Männer wissen einfach nicht, was sie wollen!" Die Gruppe von Herren hinter uns fand das anscheinend nicht allzu charmant und ging auf Sicherheitsabstand.

"Aber Du hast doch einen netten Mann gefunden", erinnerte mich Bianca. Beim Gedanken an Jonathan lächelte ich einen Moment weinselig, aber dann gefror mir mein Grinsen. "Ja, theoretisch schon, aber praktisch turnt der Herr ja den halben Advent durch die Weltgeschichte und nimmt mich nicht mit. Da hat man endlich einen Freund und hat nichts von ihm!", jammerte ich.

Nun war es doch Bianca, die wieder die Kurve kriegte: "Na immerhin haben wir uns. Das ist doch auch schon mal was." Dankbar lächelte ich sie an. Wo meine beste Freundin recht hatte, hatte sie recht. Und immerhin rief Jon, wie ich ihn inzwischen nannte, jeden Abend aus dem Hotel an. Trotzdem. Die erste Vorweihnachtszeit mit meiner Chilischote hatte ich mir irgendwie romantischer vorgestellt. Immerhin waren wir nun ein knappes Jahr zusammen, da durfte man sich ja wohl mal bemitleiden, wenn man zur Adventswitwe wurde, nur weil er so einen anstrengenden Job hatte.

Der Glühwein war leer und Bianca und ich machten uns auf den Rückweg zur Bahn. Als wir an dem Schaufenster angelangt waren, bei dem uns im vergangenen Jahr die Idee mit dem Männerbacken gekommen war, machte ich Bianca auf die Auslage aufmerksam. Sie seufzte. "Vielleicht sollte ich mir mal in der Zukunft den perfekten Tanzpartner designen lassen. Und wenn dabei der perfekte Mann herauskäme, hätte ich auch nichts dagegen." Wir lachten beide und verbrachten den Rest des Rückwegs damit, über Eno, das Jahr 2312 und vor allem den Retortenmann Jonas zu philosophieren. Ob er wohl mit dem Heidi-Klum-Klon glücklich geworden war?
 

Der Männer-Backomat - mein neues Buch

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 18. Dezember 2012 um 20:41 Uhr Geschrieben von: Yvonne Freitag, den 23. November 2012 um 11:21 Uhr



Surprise, surprise ... Diese Woche gibt es keinen Bericht über Altraterra, sondern über ein kleines Buch, das ich diese Woche neu veröffentlicht habe.

"Der Männer-Backomat" ist die Geschichte der Frankfurter Single-Frau Alice, die sich wünscht, endlich den perfekten Mann kennenzulernen, was trotz ihren Bemühungen auf einer Internet-Singlebörse gar nicht so einfach ist. Viel lieber wäre es Alice, sie könnte sich ihren Partner einfach backen oder designen, mit genau der Optik und den Eigenschaften, die er haben sollte - höflich, charmant, ein echter Mr. Right eben. Und weil gerade eine Sternschnuppe vorbeikommt, wünscht sie sich das einfach - man kann schließlich nie wissen.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive erzählt und spart nicht an Selbstironie. Und es wirft die Frage auf: Was ist eigentlich ein perfekter Partner? Jemand, der alle Eigenschaften hat, die man sich wünschen würde? Jemand, der genauso ist wie man selbst? Und welche Rolle spielen die berühmten Schmetterlinge?

Es dauert 24 Kapitel (und einen Ausflug), bis Alice für sich ein paar Antworten gefunden hat. Weil es außerdem in der Vorweihnachtszeit spielt, eignet sich "Der Männer-Backomat" als Adventskalender, bei dem man jeden Tag ein Kapitel liest.

Eine Vorschau auf die ersten Kapitel gibt es schon bei amazon.de, deswegen möchte ich an dieser Stelle einfach ein paar Zitate aus meinem neuesten Werk vorstellen:

  • Bärte sind eine Geisteshaltung.
  • Wieder zu Hause bedauerte ich mich ausgiebig dafür, noch nicht das passende Gegenstück gefunden zu haben, nahm ein Bad im Selbstmitleid und öffnete eine Flasche Prosecco.
  • Ich fühlte mich in meinem raschen Urteil bestätigt, dass die „Chilischote“ nicht halb so scharf war wie ihr bzw. sein Chatname.
  • Aber wollte ich wirklich einen Ballkönig, Tausendsassa, Fußballkapitän, also einen Mann, dem das Gewinner-Gen in die Wiege gelegt worden war und der noch nie eine einzige schlechte Erfahrung gemacht hatte?


"Der Männer-Backomat" ist als Taschenbuch sowie als Kindle-E-Book erhältlich.

Ich wünsche viel Spaß mit meinem neuen Buch und freue mich über Feedback via E-Mail oder Facebook!
   

Seite 1 von 2